Gleichgewichtssinn: Alles im Lot?

Balancetraining ist gut für Körperhaltung und Wohlbefinden – nicht nur bei Reha-Patienten

Gleichgewichtssinn: Alles im Lot?

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Als Kinder konnten wir uns drehen, ohne dass uns schwindelig wurde. Wir stiegen auf ein Skateboard und rollten einfach los. Und heute? Fällt es gar nicht so leicht, nur ein paar Sekunden auf einem Bein zu stehen, ohne umzukippen. Schuld ist unser Gleichgewichtssinn, der sehr sensibel reagiert, wenn er vernachlässigt wird. Er ist bei allen Menschen zum Zeitpunkt der Geburt ähnlich ausgebildet. Danach entscheidet jeder selbst, was er daraus macht – wer sich nicht bewegt, dessen Sinn verkümmert.

Die gute Nachricht: Er braucht gar nicht so viel Pflege. Und vor allem: Wer etwas für ihn tut, profitiert sehr, denn dieser Sinn ist eng verknüpft mit dem Wohlbefinden. „Wenn unsere Gleichgewichtsfähigkeit gut ausgebildet ist, haben wir eine bessere Körperhaltung und kommen auch innerlich ins Lot“, sagt der Sportwissenschaftler Dr. Volker Nagel von der Universität Hamburg. „Wir beugen Fehlhaltungen und Verletzungen vor und schärfen unsere Wahrnehmung und unser Bewegungsgefühl.“

Möglich wird das durch das fein abgestimmte Zusammenspiel verschiedener Sinneseindrücke, die vom Gehirn blitzschnell koordiniert werden. In unserem Gleichgewichtsorgan im Innenohr befinden sich nämlich kleine Messfühler (Rezeptoren), die permanent die Bewegungen des Körpers registrieren und dem Gehirn signalisieren, wo oben und unten ist. Sie sind verschaltet mit dem Sehsinn in den Augen und den Rezeptoren in den Muskeln und Gelenken, die ebenfalls Informationen ans Gehirn liefern. Das ist ein großer Vorteil, denn wenn wir stolpern, reagieren die Messfühler in den Muskeln reflexartig und leiten über das Rückenmark blitzschnell Ausgleichsbewegungen ein, die uns vor einem Sturz bewahren.

Inzwischen hat die Fitnessbranche erkannt, wie wichtig die Balance für die Gesundheit ist. Beim Megatrend „Functional Training“ etwa kräftigt man nicht mehr isoliert einzelne Muskeln, sondern ganze Muskelpartien – und die Balance gleich mit. Ein einfaches Beispiel: Herkömmliche Sit­ups stärken die Bauchmuskulatur. Wenn man dabei aber die Füße in zwei Schlingen stellt oder den Po auf einem kleinen weichen Ball ablegt, müssen auch die tiefen Haltemuskeln arbeiten, um den Körper im Gleichgewicht zu halten. Ein „Jumping Fitness“­-Kurs auf dem Trampolin schult ebenfalls die Balance, genauso Trendsportarten wie Stand­up­ Paddling oder Longboardfahren. Ideal sind außerdem Inline-Skaten, Tai- Chi oder Tanzen. Das Ziel ist immer, nicht nur starke, sondern auch geschickte und intelligente Muskeln zu bekommen, die schnell reagieren und dem Gehirn ohne Verzug alle nötigen Informationen liefern.

Am besten trainiert man den Gleichgewichtssinn sein Leben lang, gerade wenn man im Alltag viel sitzt. Schon fünf Minuten am Tag sind ausreichend (siehe Infokasten unten). Auch im hohen Alter lohnt es sich anzufangen. „In unsere Inline-Skating­-Schule kommen 80-­Jährige und wollen den Sport lernen“, berichtet Nagel. „Ihr Gleichgewicht ist nach einiger Zeit besser als bei einigen 40-Jährigen.“ In einer Studie konnte er nachweisen, wie sich die Gleichgewichtsleistung bei Senioren bereits nach zwei Wochen Training um 26 Prozent verbesserte. Und: Wer seine Balance schult, tut auch was für sein Gehirn – eine prima Demenzprävention. Gleichgewichtstraining kann also gerade im Alter die Lebensqualität enorm erhöhen.

Tja, und wie steht es um Ihren Gleichgewichtssinn? Wenn Sie es herausfinden wollen, stellen Sie sich mit geschlossenen Augen barfuß auf ein Bein. Falls Sie die Position mindestens zehn Sekunden lang pro Seite gut halten können, ohne umzufallen, ist Ihr Gleichgewicht im grünen Bereich. Täglich üben lohnt sich trotzdem; mehr als 80 Sekunden ist super.

Und... halten!
DREI GANZ EINFACHE BALANCE-ÜBUNGEN FÜR ZU HAUSE

1. Der Flamingo:
Beim Zähneputzen auf ein Bein stellen. Nach der Hälfte der Zeit das andere Bein nehmen. Schwerer wird’s, wenn man sich dabei auf eine wackelige oder unebene Unterlage stellt.

2. Der Baum:
Barfuß auf das rechte Bein stellen, die Fußsohle des linken Beins berührt die Innenseite des rechten Oberschenkels. Die Handflächen vor der Brust zusammenlegen. Fünf tiefe Atemzüge nehmen. Bein wechseln. Fortgeschrittene schließen dabei die Augen.

3. Luftboxen:
Auf ein Bein stellen, das andere angewinkelt direkt daneben halten, ohne das Stützbein zu berühren. Jetzt mit der Faust abwechselnd links und rechts über Kopfhöhe in die Luft boxen (je zehnmal pro Seite), dann seitlich auf Schulterhöhe zehnmal nach links und rechts boxen und anschließend diagonal über Kopf. Beinwechsel.

 

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