Augen-Yoga: Endlich ohne Brille?

Unsere Autorin hat einen Traum: wieder klar sehen können. Ob Augen-Yoga hilft? Ein Selbstversuch

Augen-Yoga: Endlich ohne Brille?

© iStock/MangoStar_Studio

Ein menschlicher Maulwurf: Das bin ich. Alles, was weiter als 15 Zentimeter entfernt ist, sehe ich nur verschwommen, so kurzsichtig bin ich. Kein Wunder, dass mich der Bestseller „Augen-Yoga“ des japanischen Augenarztes Dr. Kazuhiro Nakagawa sofort begeistert: Er verspricht ein Leben ohne Brille und Kontaktlinsen, übrigens auch für Weitsichtige. Mit nur zehn Minuten Training täglich! Das probiere ich aus.

Der Feind auf meinem Schreibtisch

Ein maßgebliches Problem für meine Augen ist laut Nakagawa meine Sitzhaltung vor dem PC. Denn Nackensteifigkeit und verspannte Schultern schränken die Blutversorgung halsaufwärts ein – und damit auch die der Augen. „Totaler Quatsch“, sagt Dr. Georg Eckert vom Bundesverband der Augenärzte Deutschland e. V. „Eine ungünstige Sitzhaltung kann zu Kopf- und Rückenschmerzen führen, nicht aber zu schlechten Augen. Und genauso wenig kann eine gute Haltung Fehlsichtigkeiten lindern.“ Ich teste es trotzdem, drücke so oft wie möglich meine hinter dem Kopf verschränkten Hände nach vorn, während mein Kopf dagegenhält. Das lockert den Hals. Um meine Schulter geschmeidiger zu machen, verschränke ich die Oberarme hinter den Kopf und ziehe sie abwechselnd für jeweils zehn Sekunden zur Seite. Fühlt sich auf jeden Fall gut an. Ob es meine Augen stärkt, wird sich zeigen. Wie schnell sich mögliche Erfolge einstellen, sagt Nakagawa nämlich nicht.

Man sieht nicht nur mit den Augen

Ich lerne, dass es beim Augen-Yoga eben nicht bloß um ein reines Training des Augenmuskels geht, wie bei anderen Methoden. „Die Wiederherstellung des Sehvermögens setzt bei der geistigen Seite des Sehens an“, so Dr. Nakagawa. „Glauben Sie, dass Sie sehen können, und Sie können es.“ Das ist ein gewagtes Versprechen. Hat sich vermutlich auch der Autor gedacht und fügt gleich hinzu: „Entscheidend ist, dass Sie an Ihre geistigen Kräfte glauben.“ Um sie zu trainieren, schlägt Dr. Nakagawa Gedächtnisübungen vor. So soll ich meine ungenutzte Sehkraft im Hirn stärken. Nach wenigen Tagen kann ich mir besser Telefonnummern und Termine merken, aber schärfer sehen? Warten wir’s ab.

Auch Weitsichtigkeit soll durch Augen-Yoga besser werden

Ich widme mich intensiv dem Augentraining gegen computerbedingte Kurzsichtigkeit. Dass viele Stunden vor Bildschirmen und Büchern die sogenannte Myopie begünstigen, ist mittlerweile bekannt. „Das löst einen Wachstumsimpuls aufs Auge aus“, erklärt mir Dr. Eckert. „Bei Kurzsichtigen wird das Bild eines Gegenstands dann nicht direkt auf der Netzhaut abgebildet, sondern davor.“ Um das zu korrigieren, trainiere ich dann doch auch meine Augenmuskeln. Ich schließe fest die Augen für zehn Sekunden, schaue dann für zehn Sekunden nach oben. Das wiederhole ich mit Blicken nach unten, links und rechts. Dann halte ich meinen Daumen etwa zehn Zentimeter ausgestreckt vor meine Augen und verfolge ihn bei seinen Auf- und Abbewegungen. Und ich fahre immer wieder mit meinem Blick Zickzacklinien im Buch ab. Das soll zudem gut gegen Weitsichtigkeit sein. Wie auch eine spezielle Augenmaske, die man direkt im Onlineshop von Dr. Nakagawa bestellen kann. Dr. Eckert wettet mit mir derweil um eine Flasche Sekt: „Sie können genauso gut versuchen, Ihre Schuhgröße eine Nummer kleiner zu trainieren. Es gibt keinen einzigen Beweis, dass Augentraining Fehlsichtigkeiten korrigieren kann.“

Schmetterling und Heidelbeere

Ich bleibe trotzdem dabei. Rolle in den nächsten Wochen etwa fleißig mit den Augen oder lasse meine Augenlider wie ein aufgeregter Schmetterling flattern. Dass soll den Tränenfluss anregen, wie auch herzhaftes Gähnen. Außerdem nasche ich oft Heidelbeeren. Ihre Pflanzenfarbstoffe, die sogenannten Anthocyane, sollen einen positiven Einfluss auf die Netzhaut haben und müden sowie kurzsichtigen Augen guttun. Und das Ergebnis? Ich gehe achtsamer mit meinen Augen um, lege mehr Bildschirmpausen ein und habe nach den Übungen oft das Gefühl, dass meine Augen weniger müde und trocken sind, was Dr. Eckert für plausibel hält. Aber die Wette habe ich verloren: Schärfer sehen kann ich nicht.

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