Helfer aus der Körpermitte

Mehr als 100 Billionen lebende Bakterien besiedeln unseren Darm. Sie beeinflussen die Gesundheit in einem bisher ungeahnten Ausmaß

Helfer aus der Körpermitte

© istock.com / lightkitegirl

Wir sehen sie nicht, aber sie sind viele, unvorstellbar viele. Eine 15-stellige Zahl Bakterien siedeln auf dem und im menschlichen Körper, die allermeisten von ihnen (rund zwei Kilogramm) im Dunkeln des Darms. Sie bestehen aus zehnmal mehr Zellen als alle Zellen eines Menschen zusammen – ihre Entdeckung hat das Bild von uns selbst völlig verändert. Unser Körper ist kein einzelner Organismus, sondern ein gewaltiges Ökosystem verschiedenster Spezies. Erst vor wenigen Jahren haben Wissenschaftler begonnen, die Darmflora zu enträtseln, seither heben sie aus der Tabuzone des Verdauungstraktes immer neue überraschende Erkenntnisse ins Rampenlicht. Mikrobiota, die „kleinen Leben“, arbeiten für uns, sie beeinflussen unsere Gesundheit und unser Gewicht, ja sogar die Funktion unseres Gehirns und unsere Gefühle.

Lange hatten Keime den schlechtesten Ruf, als im 20. Jahrhundert die Darmflora entdeckt wurde, galt sie zunächst als Krankheit. Heute weiß man: Die überwiegende Mehrzahl der Organismen in unserem Bauch ist harmlos, sogar unentbehrlich, sie hilft uns auf tausenderlei Weise. Manche Mikroorganismen nehmen sich im Darm Unverdauliches vor, „sie machen Nährstoffe nutzbar, die wir sonst nicht nutzbar machen könnten“, sagt Professor Michael Blaut vom Deutschen Institut für Ernährungsforschung in Potsdam-Rehbrücke. Andere stellen Vitamine, Enzyme und Aminosäuren her und bauen Gifte und Medikamente ab. Darmbakterien können den Cholesterinspiegel regulieren. Und sie trainieren unser Immunsystem – 80 Prozent der körpereigenen Abwehrzellen befinden sich im Darm –, Freund von Feind zu unterscheiden.

Was die Waage anzeigt, hängt auch von den körpereigenen Bakterien ab

Ob jemand essen kann, was er möchte, und dünn bleibt oder ob er scheinbar schon durch den Duft eines Kuchens zunimmt – das Mikrobiom (die Darmflora) hat wohl auch hier ein Wörtchen mitzureden. Bakterien von übergewichtigen Menschen scheinen mehr Kalorien aus der Nahrung ziehen zu können als die dünner Menschen. Der Effekt macht rund 150 Kalorien am Tag aus, berechneten die amerikanischen National Institutes of Health in einer Studie. Die Darmflora beeinflusst auch die Bildung von Hormonen im Verdauungstrakt: etwa von Serotonin, das satt und zufrieden macht. Oder von Inkretinen, die unter anderem die Magenentleerung verlangsamen.

Und einiges legt nahe, dass die Neigung zum Dicksein mit den Darmbewohnern sogar weitergegeben werden kann – zumindest im Tierversuch. Keimfreie Mäuse etwa erhielten Darmmikrobiota von schlanken und fettleibigen Probanden und blieben daraufhin entweder schlank oder entwickelten selbst ein starkes Übergewicht. Die Lebensmittelindustrie arbeitet nun schon an Produkten, welche die angeblich dick machenden Bakterien nach und nach gegen Bakterien dünner Menschen austauschen sollen – allerdings fehlt es vorerst an stichhaltigen Studien, die diesen Zusammenhang auch bei Menschen beweisen.

Dass der Darm auf Gefühle reagiert, hat jeder schon erfahren, der Durchfall vor Aufregung hatte oder Schmetterlinge im Bauch.

Wie eng Darm und Hirn zusammenarbeiten, zeigt nun wieder die Mikrobiom-Forschung. Die Darmbakterien beeinflussen nämlich auch unseren Gemütszustand, glauben Wissenschaftler. Mehrere Versuche weisen darauf hin: Forscher der kanadischen Universität Ontario haben etwa Mikroben von draufgängerischen Mäusen in die Därme von zaghaften Tieren transplantiert, die daraufhin ebenfalls mutiger wurden – und andersherum. Sogar wie eine Maus in einem Wasserbecken reagiert, hängt von ihrer Darmflora ab. Bekommt sie zuvor darmfreundliche Laktobazillen gefüttert, versucht sie hartnäckiger an Land zu schwimmen als andere Mäuse – und das mit weniger Stresshormonen im Blut.

Menschen könnten Mäusen hier ähnlich sein. Eine Studie der University of California in Los Angeles legt das nahe. Frauen aßen dafür vier Wochen lang regelmäßig Joghurt mit darmfreundlichen Bakterien, sogenannten Probiotika. Dann zeigte man ihnen Bilder von wütenden und verschreckten Gesichtern, auf die besonders ängstliche Menschen unwillkürlich reagieren. Doch bestimmte Hirnbereiche der Probandinnen antworteten deutlich weniger auf diese Reize als Frauen, die sich anders ernährt hatten. Was zeige, sagt die Studienleiterin Kirsten Tillisch, dass Bakterien in unseren Eingeweiden wirklich beeinflussen, wie wir die Welt sehen.

Von Autismus bis Stress – Darmbakterien machen den Unterschied

Wissenschaft und Industrie eröffnen diese Erkenntnisse neue Möglichkeiten für Therapien. Die Folgen von chronischem Stress, Angsterkrankungen und Depressionen könnten künftig im Darm behandelt werden. Gleiches gilt für Autismus, der eigentlich als Störung des Gehirns gilt. In Studien wurden autistisch wirkende Mäuse mit bestimmten Darmbakterien gefüttert, was typische Symptome der Krankheit abmilderte. Gefährliche Durchfallerkrankungen werden bereits jetzt sehr erfolgreich durch Stuhltransplantationen therapiert, bei denen die Kranken aufbereiteten Darminhalt von Gesunden erhalten. Doch zum jetzigen

Zeitpunkt steckt die Mikrobiom-Forschung in den Kinderschuhen. Sicher weiß man nur, dass Verschiebungen im Gleichgewicht der Darmgemeinschaft gleichzeitig mit bestimmten Erkrankungen auftreten. Bei Darmleiden wie Morbus Crohn oder Reizdarm mag das nicht erstaunen. Doch auch bei vielen anderen Störungen sehen Forscher Zusammenhänge mit der Komposition der Darmflora. Etwa bei Diabetes oder multipler Sklerose, hohen Cholesterinwerten und Herz-Kreislauf-Erkrankungen. „Ob das veränderte Mikrobiom Ursache oder Folge der Erkrankung ist, lässt sich aber derzeit nicht sagen“, sagt Experte Blaut.

Antibiotika töten auch die hocherwünschten Bakterien

Noch kennt man nicht einmal die Hälfte der Bewohner im Darm, obwohl Forscher mit modernsten Technologien den Genpool der Bakterien aufschlüsseln. Die genaue Zusammensetzung der Bakterien variiert von Mensch zu Mensch – je nachdem, wo man lebt und wie man sich ernährt. Es weiß auch noch niemand, wie sich ein gesundes Mikrobiom zusammensetzt, ob es immer gleich ist oder doch bei jedem etwas anders aussieht, wovon man momentan ausgeht. Das Verschwinden vieler Spezies scheint ein Problem zu sein, das mit Krankheiten zusammenhängen könnte. In den Stuhlproben von Ureinwohnern, die isoliert leben, fand man noch nahezu doppelt so viele Mikrobenspezies wie bei einem durchschnittlichen US-Amerikaner. Ein Grund dafür könnte der inflationäre Gebrauch von Antibiotika sein, die zwar vielen Patienten das Leben retten, für nützliche Bakterien allerdings auch meist das Ende bedeuten. Manche Darmlandschaften erholen sich schnell wieder, andere bleiben dauerhaft verändert. Deshalb sollte man Antibiotika nur einnehmen, wenn sie wirklich nötig sind und dann auch wirklich so lange, wie es der Arzt empfohlen hat, um Nachbehandlungen zu vermeiden.

Sport begünstigt hilfreiche Bakterien im Darm, legen Studien nahe.

Den größten Einfluss auf die Darmflora hat aber die Ernährung. Dabei müssen es nicht unbedingt Probiotika sein, erwiesenermaßen „gute“ Bakterien, die etwa in speziellen Joghurts stecken. Auch wenn Untersuchungen zeigen, dass sie in manchen Fällen Durchfall und Erkältungen begrenzen können, ist ihr Nutzen für Gesunde umstritten. Bakterienfreundliches Essen dagegen fördert die hilfreiche Darmflora, die sich eh schon in unserem Bauch befindet. Empfohlen wird eine möglichst abwechslungsreiche Ernährung mit gesunden, naturbelassenen Lebensmitteln ohne Süß- und Konservierungsstoffe. „Bakterien bevorzugen Kohlenhydrate“, sagt Michael Blaut. Und zwar nicht irgendwelche: Einfache Kohlenhydrate wie Zucker werden im Dünndarm vollständig in die Blutbahn aufgenommen und bringen der Darmflora überhaupt nichts. Ballaststoffe, wie sie in Vollkornprodukten, Gemüse und Hülsenfrüchten stecken, sind dagegen ein Festmahl für unsere winzigen Helfer.

Denn das ist ja das Tolle: Anders als damals, beim Hype um die Entschlüsselung der menschlichen Gene, können wir das erlangte Wissen über die Darmflora sofort anwenden – unser Mikrobiom beeinflussen wir anscheinend jeden Tag. Ein kaputtes Gen zu reparieren ist bis heute schwierig.

 

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