Dr. Digital: Was können Online-Therapien?

Per Mausklick lernen, nicht mehr zu rauchen, besser zu schlafen, sich selbst aus der depressiven Verstimmung zu holen: Überraschend viel ist möglich

Dr. Digital: Was können Online-Therapien?

© istock.com/SebastianGauert

Das hätte sich Sigmund Freud wohl nicht träumen lassen: Der Begründer der Psychoanalyse sah die persönliche Beziehung zwischen Patient und Therapeut als unverzichtbar für den Behandlungserfolg jeder Psychotherapie an. Doch da irrte Freud. Studien haben mittlerweile gezeigt, dass bei einer ganzen Reihe sowohl seelischer als auch körperlicher Probleme eine Therapie via Internet ebenfalls Erfolg verspricht. Ein Beispiel sind mittelschwere Depressionen, wie kürzlich Wissenschaftler der Universität Zürich bewiesen: Nach einer achtwöchigen Online-Therapie hatte die Hälfte der Patienten das Stimmungstief komplett überwunden – genauso viele wie in einer Vergleichsgruppe, die eine konventionelle Psychotherapie von Angesicht zu Angesicht erhalten hatte. Der positive Effekt hielt nach einer Online-Therapie sogar länger an: Nach drei Monaten waren noch 57 Prozent der Patienten, die Hilfe im Netz bekommen hatten, seelisch stabil, bei der konventionellen Vergleichsgruppe lag dieser Wert bei 42 Prozent.

Nach einer achtwöchigen Online-Therapie hatte die Hälfte der Patienten das Stimmungstief komplett überwunden

Zwar wird man kaum die Ursachen eines Leidens mithilfe eines Computers ergründen können, und den Arzt oder Therapeuten wollen viele der internetbasierten Programme auch gar nicht komplett ersetzen. Doch die vergangenen Jahrzehnte haben gezeigt, dass es oft sehr viel bringt, einen neuen Zugang zu einem Problem zu finden oder den Umgang mit einer Erkrankung zu verändern. Und genau dafür kann man sich auch im Internet wertvolle Unterstützung holen.

Wem hilft die Therapie im Netz?

Wer online Hilfe sucht, hat zunächst oft ganz praktische Gründe: Die meisten Psychotherapeuten haben monatelange Wartelisten. Wer auf dem Land wohnt, muss häufig weite Wege in Kauf nehmen. Oder die Sprechzeiten lassen sich schlecht mit den eigenen Arbeitszeiten vereinbaren. Im Netz dagegen kann man eine Therapie oft sofort beginnen und hat in vielen Fällen jederzeit Zugang. Auf Wunsch auch anonym – das senkt für viele, die sich mit ihren Problemen nur ungern outen, die Hürde, sich Hilfe zu suchen. Das Angebot ist groß; es reicht von Trainings, bei denen man durch Seiten klickt, bis zu aufwendigen Programmen mit Übungen und Protokollen oder der Gesprächstherapie per Skype. Es gibt auch Kombinationen: Man trifft den Therapeuten einmal und macht dann online weiter. Ebenso zahlreich sind die Themen, um die es bei Online-Therapien geht: Sie zielen keineswegs nur auf psychische Probleme wie Ängste oder Depressionen ab, sondern genauso auf körperliche Erkrankungen wie Krebs oder chronische Schmerzen. Denn auch hier entscheidet der Umgang damit über das Wohlbefinden.

Wie seriös ist das Angebot?

Natürlich kann man mit einer Therapeutin oder einem Therapeuten aus Fleisch und Blut ebenfalls Pech haben. Doch in der Anonymität des Internets ist es noch schwerer zu erkennen, ob ein Therapieangebot Hand und Fuß hat. Orientierungshilfe bietet zum Bei- spiel die Homepage des Berufsverbandes deutscher Psychologinnen und Psychologen, dort findet man eine Liste zertifizierter Online-Berater (www.bdp-verband.org) mit Arbeitsschwerpunkten von Flugangst über Burn-out bis zur Paarberatung; viele „treffen“ sich per Skype mit ihren Klienten. Wenn Sie weniger einen Therapeuten, sondern eher ein Trainingsprogramm suchen, können Sie sich als Erstes an Ihre Krankenkasse wenden. Einige empfehlen (und finanzieren) inzwischen verschiedene Online-Präventions- und -Therapieprogramme, hier kann man davon ausgehen, dass diese vernünftig geprüft sind. Eine gute Adresse ist zudem die Leuphana-Universität in Lüneburg mit ihrer Seite www.geton-training.de.

Die hier entwickelten Online-Programme gehören zu den am besten kontrollierten und getesteten im deutschsprachigen Raum. Es gibt beispielsweise Angebote gegen Angststörungen, stressbedingte Schlafstörungen, chronische Schmerzen, Depressionen und übermäßigen Alkoholkonsum. Man hat die Wahl zwischen mehrwöchigen, selbstständig durchgeführten Trainingsprogrammen mit Infos, Übungen, Tests und einem Online-Tagebuch (70 Euro) oder Modulen, die unterschiedlich intensiv durch einen persönlichen Coach per Mail begleitet werden (maximal 300 Euro). Studien haben gezeigt, dass beispielsweise das Anti-Alkohol-Programm von Get.on den wöchentlichen Alkoholkonsum im Schnitt um ungefähr acht Gläser reduziert. Dieses Programm ist derzeit im Rahmen einer wissenschaftlichen Studie kostenlos zu haben. Auch beim Pilotprojekt weniger-trinken- online.de kann man sich zurzeit gratis und ohne die Kostenübernahme bei der Kranken- kasse beantragen zu müssen, von Ärzten und Psychologen helfen lassen. Und es gibt noch viel mehr gute Umsonst-Hilfe im Internet.

Viele gute Angebote sind gratis

Krebspatienten mit Ängsten, Depressionen oder sexuellen Problemen etwa können auf www.psycho-onkologie.net den Gemütszustand anklicken, der bei ihnen gerade vorherrscht, z.B. beschämt, erschöpft, verzweifelt. So gelangen sie zu Videos von Betroffenen und Krebsspezialisten, die helfen, die eigenen Probleme besser einzuordnen und anzugehen. Danach kann via Telefon, Skype oder Mail ein persönlicher Kontakt mit einer zertifizierten Psychoonkologin aufgenommen werden. Für Patienten mit Essstörungen bietet das Frankfurter Zentrum für Ess-Störungen auf essfrust.de einen Beraterchat zu festgelegten Terminen an. Wer mit dem Rauchen aufhören will, kann sich auf www.rauchfrei-info.de (von der Bundeszentrale für Gesundheitliche Aufklärung) oder www.stop-simply.de (von ehrenamtlich tätigen Psychologen) coachen lassen. Speziell an Schwangere, die nicht mehr rauchen und trinken wollen, richtet sich iris-plattform.de (von der Uni Tübingen).

Wie man die richtigen Seiten findet

Es lohnt sich also, sich mal auf die Suche zu machen, wenn man sich Unterstützung bei einem Thema wünscht. Als Navigationshilfe gilt: Vorsicht ist angebracht, wenn die Website nicht im deutschsprachigen Ausland registriert ist (also nicht die Endung .de, .at oder .ch hat) oder wenn es auf der Internetseite kein vernünftiges Impressum gibt, man also nicht erkennen kann, wer hinter dem Angebot steckt und welche Qualifikation er hat. „Psychotherapeut“ ist beispielsweise eine geschützte Berufsbezeichnung, „Psychologischer Berater“ dagegen nicht. Was alle Online-Therapien, -Beratungen und -Programme erfordern, wenn sie echte Hilfe bringen sollen, ist Zeit. Denn um etwas im Leben zu verändern, muss man sich damit auseinander-setzen. Und das ist mit dem Klicken allein eben nicht getan.

 

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