Ein leichtes Ziehen

Ich stand vor dem Badezimmerspiegel und befühlte die Lymphknoten an meinem Hals. Bildete ich mir da ein leichtes Ziehen ein, ein unbestimmtes Kribbeln gar in der Nase, das auf einen fernen Anflug einer Erkältung hindeuten konnte?

Ein leichtes Ziehen

Illustration: © Maik Brummundt

Eigentlich war nichts zu spüren. Aber das hieß natürlich nicht, dass da nichts war. Als Fachmann wusste ich, wenn man nur lange genug suchte, wäre schon irgendetwas. Und ich war durchaus geübt im Suchen. Denn ich bin ein Hypochonder. Was das ist? Ich werde es Ihnen erklären.

Ich hatte einen schrecklichen Abend hinter mir. War bei einem Geburtstag, bei dem ein Drittel der Gäste erkältet war: Insgesamt waren es zwei! Die eine hustete praktisch ununterbrochen, und der andere nieste, ausgerechnet als er die Salatschüssel rumreichte. Ich hielt es für eine grobe Rücksichtslosigkeit, dass hier ein Fest gefeiert werden sollte, bei dem fahrlässig mit der Gesundheit von Gästen umgegangen wurde, die man doch angeblich vorgab zu schätzen (warum sonst hätte man uns eingeladen?).

kleinWieso kam überhaupt jemand auf die Idee, ohne Not Menschen in einem Raum zu versammeln? Warum versuchte man nun, in gespielter Heiterkeit mitprickelndem Sekt in der Hand, über den Ernst der Lage hinweg zu täuschen? War ich ausschließlich von Stumpfsinnigen umgeben? Nein, die anderen hatten nur kein Problem damit. Das Problem lag offenbar ausschließlich auf MEINER Seite.

Ich überschlug schon am Eingang, wie viele Drinks ich herunterkippen müsste, um mich so weit zu beruhigen, dass dem Abend vielleicht noch etwas Positives abzugewinnen wäre, kam aber rasch zu dem Ergebnis, dass die Alkoholbestände dafür vermutlich nicht ausreichten. Natürlich hatte ich aus Gründen des Selbstschutzes niemandem die Hand gegeben (vielleicht hätte man mir das noch irgendwie durchgehen lassen). Aber dass ich auch konsequent jedes Gespräch zu vermeiden suchte, eckte ein bisschen an.

Ich setzte mich in eine Ecke, gab vor, die Bücherregale sehr genau nach ihren Titeln zu untersuchen, blieb lange auf dem Balkon und machte meiner Freundin schon nach einer halben Stunde Zeichen, dass wir langsam an Aufbruch denken könnten. Sie gab ihrerseits Zeichen, die ich so deuten musste, als zweifle sie an meinem Verstand. Das tut sie in der Tat, aber damit ist sie ja nicht allein. Doch sie hat natürlich keine Ahnung. Wie viele andere auch. Damit sie uns Hypochonder verstehen, werde ich hier in jeder Ausgabe Aufklärungsarbeit leisten. Ganz schmerzfrei.

 

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