Gefühlt Mitte Siebzig

Ich würde mich als „vernunftbegabt“ bezeichnen, allerdings hat die Vernunft bei mir einen schweren Stand: Sie muss sich gegen die Angst behaupten

Gefühlt Mitte Siebzig

Illustration: © Maik Brummundt

Im weitesten Sinne würde ich mich schon als „vernunftbegabt“ bezeichnen, allerdings hat die Vernunft bei mir einen schweren Stand: Sie muss sich nämlich gegen die Angst behaupten. In der Regel verliert sie das Duell. Das liegt natürlich daran, dass die Angst die besseren Waffen hat. Es ist so, als würde man einen Panzer gegen einen Reiter mit Pfeil und Bogen antreten lassen. Der Reiter hat eigentlich nur dann eine Chance, wenn dem Panzer das Benzin ausgeht. Oder alle Panzerinsassen so vollständig betrunken sind, dass sie ihn übersehen. Es müssen also schon relativ viele günstige Umstände zusammen kommen, damit der Reiter einigermaßen gesund davonkommt. Das in etwa ist meine Situation.

Zwar sehe ich, wie mir von wohlmeinenden Menschen zuweilen bestätigt wird, immer noch etwas jünger aus als ich bin, fühle mich, und das ist das Dilemma, allerdings deutlich älter. In letzter Zeit würd ich mich selbst, sagen wir mal so, irgendwo in den Mitsiebzigern ansiedeln. Ich wähne mich also eher auf der Auslaufbahn des Lebens als in seinem vitalen Zentrum und bin der festen Überzeugung, dass ich es nur dann vielleicht noch etwas verlängern kann, wenn ich nicht allzu viele Runden drehe. Ich schleiche mich gewissermaßen im Schongang durchs Leben, weil ich der irrigen Annahme bin, die Risiken damit zu reduzieren.

„Ich wünschte mir nicht gerade den Tod, aber die Krankheit; eine Krankheit, die mir entweder als Vorwand dienen konnte, das zu tun, was ich eigentlich wollte, oder die mich an meinem Vorhaben hindern würde“, sagt Zeno Cosini im gleichnamigen Roman von Italo Svevo. Die Angst vor Krankheit und Tod, insbesondere vor tödlicher Krankheit, ist natürlich immer auch eine Ausrede. Für Frauen, die man nicht anspricht oder die Karriere, die in der eigenen Vorstellung natürlich noch sehr viel glänzender strahlen müsste, als sie es tatsächlich tut. Wenn ich mir also die Frage stelle, wieso ich mit 50 Jahren, obwohl ich mich nicht als gänzlich untalentiert begreife, immer noch arbeiten muss, wäre eine mögliche Antwort: Weil ich zu oft krank war. Oder zu oft daran gedacht habe, ich könnte krank werden.

 

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