Gesund ist, wer im Dreck wühlt

Wer als Kind im Dreck spielt, schützt sich vor Allergien und bekommt ein besseres Immunsystem. Was unsere Großeltern immer schon wussten, wurde nun von Forschern der Genfer Universitätsspitäler wissenschaftlich belegt

Gesund ist, wer im Dreck wühlt

© iStock/jeancliclac

Früher war alles besser. Die Kinder hatten keine Smartphones, sondern gingen zum Spielen nach draußen oder zum benachbarten Bauernhof. Dort lauerte man im Heuschober Katzen auf, versorgte die Kälbchen im Stall und half den Eltern bei der Feldarbeit oder beim Ausmisten. Solche Ausführungen enden oft mit den Worten „Geschadet hat uns das nicht, im Gegenteil!“ und einem Monolog darüber, wie empfindlich und überbehütet die Jugend von heute doch sei. Ist da wirklich etwas dran oder sind das bloß Hypothesen, mit denen Oma sich ihre harte Kindheit schönredet?

Fest steht: Die hygienischen Bedingungen haben sich gebessert. Damit wurden jedoch auch alle Arten von Erregern entfernt, mit denen das Immunsystem einst von allein zurechtkommen musste. So konnten sich Volkskrankheiten wie Heuschnupfen, Neurodermitis oder andere Allergien erst entwickeln. 35 Prozent der Deutschen leiden unter einer Form von Unverträglichkeit oder Allergie, vor allem in Großstädten. Die wissenschaftlich anerkannte Hygiene-Hypothese des Mediziners David P. Strachan besagt, dass Kinder in industrialisierten Ländern wesentlich häufiger an Heuschnupfen und Autoimmunerkrankungen leiden, während umgekehrt Kinder, die auf einem Bauernhof groß werden, gesünder zu sein scheinen.

Laut Strachan sollten Kinder schon früh mit Allergenen in Kontakt kommen, um so eine Immunisierung dagegen aufbauen zu können. Bereits 2002 konnte ein Forscherteam in Deutschland, Österreich und der Schweiz beweisen, dass bei Bauernhofkindern das Risiko, Asthma und Heuschnupfen zu entwickeln, nur halb so groß ist. Das Immunsystem von Kindern lässt sich jedoch nur anhand von oberflächlichen Messwerten untersuchen.

Professor Philippe Eigenmann und sein Team der Universitätsspitäler in Genf konnten diesen positiven Einfluss einer nicht durchwegs sterilen Umgebung jetzt in einer Studie erneut belegen. Eigenmann und sein Team zogen Mäuse parallel im Labor und auf einem Bauernhof in der Nähe von Martigny auf, um die Auswirkung des Lebensumfelds auf deren Immunsystem beobachten und auswerten zu können.

Warum bestimmte Prävention kaum wirkt

Das maßen die Forscher anhand der Dicke einer Schwellung am Ohr. Wem das zu wenig wissenschaftlich ist: Periphere Blutzellen und die Produktion von Zytokin in den Zellen wurden ebenfalls ausgewertet. Zytokine sind Proteine, die das Wachstum und die Differenzierung von Zellen regulieren.

Die Versuchstiere wurden mit künstlichen Allergenen konfrontiert, wobei die auf dem Bauernhof geborenen Mäuse darauf weniger stark reagierten als ihre Labor-Artgenossen. Die erhöhte Widerstandsfähigkeit gegenüber Allergenen stellte sich sogar noch ein, wenn die Labormäuse erst nach ihren ersten vier Lebenswochen im Labor zu einem Leben auf dem Bauernhof umgesiedelt wurden. Das entspreche auch Beobachtungen beim Menschen, erklärt Eigenmann: „Die Kinder von Bäuerinnen, die auch während der Schwangerschaft im Stall arbeiten, haben entsprechend noch weniger Probleme mit Allergenen.“ Dabei wird allerdings ausgeklammert, dass die Arbeit am Bauernhof mit teilweise extremer körperlicher Anstrengung verbunden ist und die Ungeborenen dadurch Schaden nehmen könnten. Und ein Zuviel an Schmutz ist für Schwangere oder Personen mit geschwächtem Immunsystem sicherlich kaum empfehlenswert.

Die Mäuse auf dem Bauernhof und im Labor hatten auch unterschiedlich stark funktionierende Immunsysteme: Das der Stallmäuse wurde durch die größere Vielfalt von Bakterien angeregt. Daraus lässt sich ableiten, dass ein ganzer Cocktail an Bakterien zur Allergie-Prävention notwendig ist. Auch die Darmflora der im Stall lebenden Mäuse war durch eine Vielfalt an Bakterien und Viren geprägt. Diese Unterschiede sind so vielschichtig, dass sich dadurch auch erklären lässt, warum gewisse Präventionsmaßnahmen kaum wirken – beispielsweise probiotische Nahrungsmittel wie Joghurt oder die Verabreichung von unschädlich gemachten Fadenwurm-Eiern.

Diese Maßnahmen basieren eben nur auf der Gabe bestimmter Keime und können die Vielfalt, mit der Kinder beim Spielen im Dreck konfrontiert sind, nicht ersetzen. Klingt ganz so, als sollte man das Sauberkeitskonzept des 21. Jahrhunderts ein wenig anpassen und sich mehr an der Auffassung der Großeltern-Generation orientieren.


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