Gleichgewicht trainieren: Und… halten!

Wie wichtig der Gleichgewichtssinn ist, wird noch immer massiv unterschätzt. Was zwischen Scheitel und Sohle passiert, wenn man auf einem Bein steht

Gleichgewicht trainieren: Und… halten!

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RUMPF

Die tieferen Bauchmuskeln und die Rückenmuskulatur kommen ins Arbeiten. Im Alltag werden sie wenig genutzt. Bei vielen ab 45 Jahren sei die Skelettmuskulatur zu schlaff, um unangestrengt Haltung zu bewahren, sagt der Hamburger Physiotherapeut Björn F. Meurer. Wer dieses innere Korsett entlang der Wirbelsäule wieder stärkt, tut Gutes für den gesamten Bewegungsapparat. Sieben Sekunden sicher auf einem Bein zu stehen, sollte für gesunde Menschen möglich sein. Umkippen beim Üben lässt sich verhindern, wenn man angelehnt an der Wand startet.

SPRUNGGELENK

Trainiert wird bei allen Balanceübungen nicht der Gleichgewichtssinn selbst, sondern die motorische Fähigkeit, mit Ungleichgewicht umzugehen. Dabei sind die Muskeln, die das Fußgelenk umgreifen, beidseitig gefordert: Sie verhindern, dass der Standfuß umknickt, und sie veranlassen den rettenden Schritt kurz vor dem Umkippen – immer vorausgesetzt, dass sie blitzschnell auf die Nervenimpulse für eine dynamische Stabilisierung des Körpers reagieren. Übrigens: Schon Zähneputzen auf einem Bein trainiert diese Reflexe.

KOPF

Das Gehirn leistet Großes beim Balancieren: Sobald es schwankt, beginnt eine Flüssigkeit im Vestibular-Organ des Innenohrs zu schwappen. Feinste Haarzellen melden: Achtung, Körper kippt! Sofort werden alle Muskeln angefunkt, die für eine blitzschnelle ausgleichende Bewegung nötig sind. Wer regelmäßig balanciert, trainiert diese komplexe Hirnfunktion, die gerade für ältere Menschen so wichtig ist. Und hat, wenn’s drauf ankommt, schneller die passenden Reaktionsmuster zur Verfügung. Auch Schwindel kann sich durch den Einbeinstand bessern, und Altersmediziner empfehlen ihn, um Demenz vorzubeugen.

NACKEN

Da sich der Rumpf beim Einbeinstand in die Länge streckt und der Kopf im Lot bleiben muss, richtet sich die Halswirbelsäule vorbildlich auf. Physiotherapeuten empfehlen Balanceübungen daher, um ungesunde Spannungsmuster und schmerzhafte Blockaden zu lösen.

KNIE

Im Knie schalten sich die stabilisierenden Muskeln bei jedem Balanceakt immer wieder ein und aus. „Dieser Wechsel passiert bis zu achtmal pro Sekunde“, berichtet Albert Gollhofer, Sportwissenschaftler an der Universität Freiburg. Das erhält und trainiert Schnellkraft und Funktionstüchtigkeit der Muskulatur. Auch fitte Leute profitieren. So könnten Hallensportler, die regelmäßig das Gleichgewicht trainieren, ihre Verletzungsrate um bis zu 80 Prozent senken.

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