Termindruck – Wie viele Arztbesuche schafft ein Hypochonder im Jahr?

Kolumnist Andreas Wenderoth treibt die Statistik der durchschnittlichen jährlichen Arztbesuche in Deutschland eindeutig nach oben. Hier erzählt er, warum

Termindruck – Wie viele Arztbesuche schafft ein Hypochonder im Jahr?

Illustration: © Maik Brummundt

Gesetzlich Versicherte gehen in Deutschland durchschnittlich 18-mal im Jahr zum Arzt, was deutlich über dem europäischen Durchschnitt liegt – in keinem einzigen anderen EU-Land gibt es mehr als zehn Arztkontakte jährlich. Aber selbst der deutsche Durchschnitt scheint mir noch unbegreiflich sorglos mit der eigenen Gesundheit umzugehen. Natürlich gehöre ich zu jenen, die die Statistik nach oben reißen. 18 Arztbesuche schaffe ich zwar nur in wirklich herausragenden Monaten, aber im Vierteljahr doch relativ locker. Der Normalbürger belastet das Gesundheitssystem mit etwa 3000 Euro im Jahr, bei Menschen wie mir müssen sie mindestens das Dreifache veranschlagen. Nach Schätzungen kosten Somatisierer und Hypochonder das HypochonderGesundheitswesen jährlich etwa 30 Milliarden Euro. Aber das ist natürlich nur die halbe Wahrheit: Man könnte auch sagen, wir halten das Ding am Laufen. Eine ganze Industrie macht Umsatz vor allem durch uns.

Nehmen wir nur die bildgebenden Verfahren: Allein im Raum München stehen wahrscheinlich mehr MRT- Geräte als in ganz Italien. Wir lassen uns so gern durchleuchten, dass die röntgenologischen Praxen die bestverdienenden im ganzen Land sind. Eine Win-win-Situation, könnte man sagen. Gut, die Krankenkassen sehen das geringfügig anders, aber deshalb können wir uns ja nun nicht den Spaß verderben lassen. Ich schaue mir jedenfalls gern auf die Knochen, auch weil der Blick aufs nackte Skelett gewissermaßen ein Blick in die Zukunft ist. Wunderbar nachzulesen übrigens in meiner immerwährenden Lieblingslektüre „Der Zauberberg“ – neben Italo Svevos „Zeno Cosini“ das Standardwerk für jeden Hypochonder: „Und Hans Castorp sah, was zu sehen er hatte erwarten müssen. Was aber eigentlich zu sehen dem Menschen nicht bestimmt ist. Er sah in sein eigenes Grab. Sah das spätere Geschäft der Verwesung vorweg genommen durch die Kraft des Lichtes. Das Fleisch, worin er wandelte, zersetzt, vertilgt, zu nichtigem Nebel gelöst.“

Während ich diese Zeilen lese, möchte ich eigentlich schon bald wieder einen Röntgentermin machen. Muss nur noch einen Überweisungsschein bekommen. Und irgendein Organ finden, das der Untersuchung wert wäre. Aber da bin ich eigentlich recht optimistisch.

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