Im Dunkeln

Depressionen sind weit verbreitet, doch oft werden sie nicht erkannt. Denn die Krankheit zeigt sich auch mit ganz unerwarteten Symptomen

Im Dunkeln

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Manche verkriechen sich im Bett oder setzen sich mit einem Glas Wein vor den Fernseher. Andere drehen die Musik auf und essen heißen Vanillepudding direkt aus dem Topf. Jeden tröstet etwas anderes an trüben Tagen. Die Gefühle aber, die einen in solchen Momenten plagen, kennen wir alle. Traurigkeit, Schwermut, völlige Lustlosigkeit. Es wird ja auch meist wieder besser. Nur wenn die schlechte Stimmung nicht vergeht oder ständig wiederkehrt, taucht manchmal ein Zweifel auf: Ist das eigentlich normal? Bin ich wirklich nur deprimiert – oder schon depressiv? Depressionen sind weit verbreitet: Fast jeder Fünfte leidet mindestens einmal im Leben daran, junge wie alte Menschen, glückliche wie unzufriedene. Depressionen zählen in Deutschland zu den häufigsten Gründen für Berufsunfähigkeit, sie werden für die Mehrzahl der Suizide verantwortlich gemacht. Per Definition halten die Gefühle der Freudlosigkeit und inneren Leere dabei mindestens zwei Wochen an, dazu kommen oft Schuldgefühle und Pessimismus, ständige innere Anspannung und Erschöpfung. „Die Welt erscheint Depressiven farblos und grau. Sie sehen das Grün der Bäume nicht mehr“, so beschreibt es der Psychiater Prof. Ulrich Hegerl, Vorstand der Stiftung Deutsche Depressionshilfe.

Die Welt erscheint Depressiven farblos und grau. Sie sehen das Grün der Bäume nicht mehr

Eine Depression zu erkennen ist aber nicht immer einfach. Schon gar nicht für diejenigen, die davon betroffen sind. Nur ganz wenige Menschen können auf den Moment genau sagen, wann sich ihr Leben verdunkelt hat. „Oft realisieren die Patienten das zunächst gar nicht“, sagt Prof. Anette Kersting, Direktorin der Klinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Leipzig. „Die Veränderungen fallen eher der Umgebung auf.“ Etwa, dass der Partner anders wirkt, vielleicht abwesend und fremd, dass ihm plötzlich die Lust zu allem fehlt, was sonst doch Spaß gemacht hat. Oder dass die Freundin gar nicht mehr ans Telefon geht. Wenn die Betroffenen einen Arzt aufsuchen, dann klagten sie eher über Schlappheit oder Appetitlosigkeit als über psychische Probleme, sagt Anette Kersting. Vielen Betroffenen ist es auch unangenehm, über ihr Seelenleid zu sprechen.

Gerade bei Männern überdecken Aggression und Unruhe die Mutlosigkeit

„Bei einer Depression sind mehrere der typischen Krankheitszeichen wie Freudlosigkeit immer vorhanden, aber individuell unterschiedlich ausgeprägt“, sagt Ulrich Hegerl. Oft verstecken sich diese jedoch hinter körperlichen Beschwerden wie Übelkeit, Magenproblemen, Rückenleiden oder Kopfweh. Gerade Schmerzen stehen in enger Verbindung mit dem psychischen Leiden; Depressive empfinden sie intensiver. Bei Jugendlichen können sich Depressionen hinter Verhaltensstörungen oder Problemen mit der Schule verbergen, was nicht selten fälschlicherweise der Pubertät zugerechnet wird. Ältere Menschen leiden häufig gleichzeitig unter anderen Krankheiten oder Gebrechlichkeit, was Depressionen überdecken kann. Und gerade bei Männern, die scheinbar seltener depressiv sind als Frauen, wird die Krankheit mitunter in Unruhe sichtbar, in Aggressivität, Affären, schnellem Fahren, viel Alkohol. Experten wie Anette Kersting zweifeln daran, ob die gängigen Messinstrumente wie standardisierte Fragebögen diese Symptome überhaupt erfassen. Und so bleibt über die Hälfte aller Depressionen trotz Arztbesuch unerkannt. Sogar ganz ungewöhnliche Störungen wie Kleptomanie, das zwanghafte Stehlen, das den Betroffenen ein Wohlgefühl verschafft, können auf eine Depression hinweisen. Genauso unkontrollierbare Essanfälle (Binge Eating). Oder Kaufsucht: Betroffene kaufen andauernd Dinge, die sie nicht brauchen – weil ihnen das ein kurzes Glücksgefühl verschafft. Zwei Drittel ihrer Patienten seien auch depressiv, berichtet die Psychologin Prof. Astrid Müller von der Medizinischen Hochschule Hannover, die das zwanghafte Shoppen erforscht und Betroffene behandelt. Psychologen der britischen Leeds University haben außerdem einen Zusammenhang gefunden zwischen Internetsucht und Depressionen. Unklar bleibt in vielen Fällen, ob Depressionen diese Störungen hervorrufen oder ob die Süchte und Zwänge auf Dauer depressiv machen. Eine Wechselwirkung gibt es auch mit dem Burn-out, eine finnische Studie wies bei der Hälfte der Probanden mit schwerem Burn-out Depressionen nach. Die Grenze zwischen Gesundheit und Krankheit lässt sich oft nicht exakt ziehen. Eine bestimmte Form der Depression tritt nur im Herbst und Winter auf und bringt Heißhunger und großes Schlafbedürfnis mit sich. Bei einer anderen, der Dysthymie, fühlen sich die Betroffenen oft über Jahre hinweg müde, bedrückt, können kaum etwas genießen; in ihrer Wahrnehmung jedoch sind sie nicht krank, sondern schon immer so gewesen. Wenn sich Phasen der Niedergeschlagenheit mit solchen der Aktivität abwechseln, könnte eine sogenannte bipolare Störung dahinterstehen. Am häufigsten aber ist eine depressive Episode, die unipolare Depression, die im Durchschnitt nach sechs bis acht Monaten von allein wieder vergeht.

Die Stimme als Indikator

Aber wie schafft man es nun, die richtige Diagnose zu bekommen? Einen einfachen Test wird es wohl vorerst nicht geben, auch wenn Wissenschaftler aus Wien neuerdings einen direkten Zusammenhang sehen zwischen bestimmten Proteinen im Blut, die Glückshormone in die Zellen bringen (Serotonintransporter), und der Erkrankung. Fest steht, dass sich die Aktivität bestimmter Hirnzentren in der Depression wandelt, die Botenstoffe geraten durcheinander, die Muskelkraft nimmt ab, die Haut erschlafft, der Appetit schwindet. Die Körperhaltung, der Gang, der Gesichtsausdruck verändert sich, auch die Stimme und die Art zu sprechen: Forscher der amerikanischen University of Maryland analysierten Tonbandaufnahmen und fanden heraus, dass die Probanden umso langsamer sprachen, je schlechter es ihnen ging; auch klangen die Stimmen rauer und heiserer als sonst. Die Forscher wollen nun eine App entwickeln, die Betroffenen und Ärzten hilft, den momentanen Zustand der Erkrankung einzuschätzen. Die Stimme spielt natürlich auch im Patientengespräch eine große Rolle, auf dessen Basis ein Arzt heute die erste Diagnose stellt. Anhaltspunkte für eine mögliche Depression geben dabei vor allem zwei Fragen: Haben Sie sich im vergangenen Monat oft niedergeschlagen, schwermütig oder hoffnungslos gefühlt? Haben Sie in dieser Zeit häufig wenig Interesse oder Freude an Ihren Tätigkeiten gehabt? Wird nur eine der beiden Fragen bejaht, sollte der Arzt weiteren Symptomen nachgehen. Denn was viele nicht wissen: Einmal erkannt, lassen sich Depressionen meistens sehr gut behandeln. Und eine effektive Therapie etwa mit Medikamenten und Psychotherapie kann die Leidenszeit und das Risiko für einen Rückfall deutlich verringern.

Gegen den Trübsinn

Diese drei effektiven Stimmungsaufhellerkönnen Gesunde und Depressive für sich nutzen

Muskeltraining

Beim Sport wird Stress abgebaut, der Körper schüttet Glückshormone aus, das ist bekannt. Doch gerade Muskeltraining hat vermutlich einen besonderen Effekt. In einer Tierstudie zeigten schwedische Forscher, dass trainierte Muskeln bestimmte Enzyme produzieren, die einen Eiweißbestandteil im Blut (Kynurenin) neutralisieren. Dieser ist für den Ausbruch von Depressionen mitverantwortlich; die Enzyme bauen ihn derart um, dass er nicht mehr ins Gehirn gelangen und dort die Stimmung beeinflussen kann. Die These der Wissenschaftler: Trainierte Muskeln haben eine reinigende Funktion für das Gehirn.

Schlaf

Erholsamer Schlaf macht gute Laune. Und wer chronisch schlecht schläft, ist anfälliger für psychische Krankheiten, als es gute Schläfer sind. Depressive dagegen fühlen sich nach viel Schlaf meist noch schlechter. Schlafentzug – vor allem in der zweiten Nachthälfte – kann ihnen zu einer schlagartigen Besserung der Symptome verhelfen. Der Effekt hält bis zum nächsten Einschlafen an. Im Forschungszentrum Depression der Stiftung Deutsche Depressionshilfe wird derzeit eine App fürs Smartphone erprobt, die Patienten hilft, den Einfluss ihrer Schlafdauer auf die Stimmung zu registrieren und die optimale Bettzeit für sich zu finden.

Meditation

Das Gehirn verändert sich durch regelmäßige innere Versenkung: Teile der vorderen Hirnrinde werden besser durchblutet, Areale, die für das Regulieren von Gefühlen wichtig sind. Eine bestimmte Meditation wurde für Menschen entwickelt, die wiederholt an depressiven Episoden leiden – die Achtsamkeitsbasierte Kognitive Therapie (MBCT). Sie kombiniert Meditation mit kognitiver Verhaltenstherapie, besonders wird der Umgang mit belastenden Gedanken geübt. Eine Studie zeigte gerade, dass MBCT bei über der Hälfte der Patienten Rückfälle in die Depression verhindern konnte – vergleichbar gut wie Antidepressiva.

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