In bester Gesellschaft

Neulich hatte ich Brustschmerzen und lieferte mich selbst ins Krankenhaus ein.

In bester Gesellschaft

Illustration: © Maik Brummundt

Neulich hatte ich Brustschmerzen und lieferte mich selbst ins Krankenhaus ein. Dort versicherte man mir, dass bei Brustschmerzen nur in 20 Prozent aller Fälle ein Herzinfarkt vorliege und ich völlig gesund sei. „Nur 20 Prozent?“, sagte ich. Das soll mich beruhigen? Das nächste Mal gehe ich in ein anderes Krankenhaus. So mache ich es immer. Sobald ein Verdacht ausgeräumt ist, suche ich einen neuen Spezialisten auf und konzentriere mich notfalls auf andere Symptome. Die ehrgeizigen Vorgaben der Weltgesundheitsorganisation WHO geben meinen Befürchtungen dabei die nötige Rückendeckung: „Gesundheit ist ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ Im Sinne der WHO müsste ich eigentlich die Frührente beantragen.
kleinDas Wort „hypochondrios“ bedeutet „unterhalb des Rippenbogens liegend“, denn nach antiker Gesundheitsauffassung rumorten die Gemütskrankheiten im Unterleib. Die „melancholische Flatulenz“ war bis ins 17. Jahrhundert ein stehender Begriff, der Mensch trat nun als Individuum in die Welt, begann sich selbst zu betrachten, schwelgte in Empfindsamkeit und schrieb Autobiografien.

Im 18. Jahrhundert galt die Hypochondrie als Modekrankheit feinsinniger Intellektueller. Hypochonder, insbesondere jene, die der Dandyismus hervorbrachte, genossen jetzt eine Art seltsame Hochachtung, weil Muße dazu nötig schien, sich eine so erlesene Nervenkrankheit zu leisten. Hypochondrie, das klang nach Fin de Siècle und einer Welt schöner Überflüssigkeiten. Die psychische Komponente war früh erkannt, 1912 schrieb Freud an einen Kollegen über das „Dunkel in der Hypochondriefrage“.

Die englische Königin Victoria soll ihren Hofarzt bis zu sechsmal am Tag zu sich gerufen und der Filmproduzent Howard Hughes seine Urinproben in Einmachgläsern aufbewahrt haben, nummeriert und katalogisiert, für alle Fälle. Der große Pianist und Bachinterpret Glenn Gould pflegte mit Schal und Handschuhen zu spielen, und wenn jemand am Telefon nieste, legte er unversehens auf. Aber auch Otto von Bismarck, Florence Nightingale, Georg V. waren bekennende Hypochonder. In neuerer Zeit verdienen Woody Allen und Harald Schmidt viel Geld damit. Im Prinzip befinde ich mich also in bester Gesellschaft.

 

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