Kurzsichtigkeit: Immer mehr Menschen sehen schlecht

Ständig drin sitzen und auf Bildschirme starren: Einer der Gründe, warum Fehlsichtigkeit sich ausbreitet wie eine Epidemie. Was man tun kann

Kurzsichtigkeit: Immer mehr Menschen sehen schlecht

Studenten in Singapur, Peking oder Tokio haben meist eines gemeinsam: Sie tragen eine Brille. Denn 80 bis 90 Prozent der Absolventen höherer Schulen in Asien sind kurzsichtig. Auch die Hälfte aller Europäer zwischen 25 und 30 Jahren sehen alles, was weiter weg liegt, unscharf – doppelt so viele wie vor 50 Jahren. In Deutschland beginnt jedes zweite Kind ab acht Jahren diese Fehlsichtigkeit, auch Myopie genannt, zu entwickeln. Doch immer deutlicher zeigt sich zudem, was Myopie auslöst und wie man sie womöglich sogar verhindern kann. „Das Verhalten des Einzelnen spielt eine große Rolle“, sagt Prof. Norbert Pfeiffer, Direktor der Augenklinik und Poliklinik der Universitätsmedizin Mainz.

Viel mehr als nur lästig

In den ersten zwei bis drei Lebensjahrzehnten eines Menschen wachsen die Augen, bei Kurzsichtigen aber sind die Augäpfel um eine Winzigkeit zu lang geworden. Der Abstand zwischen Linse und Netzhaut stimmt nicht; das einfallende Licht wird vor der Netzhaut gebündelt – statt darauf. Kurzsichtige kneifen oft die Augen zusammen, wenn sie in der Ferne einen Straßennamen entziffern wollen. Das klingt lästig, aber harmlos. „Doch weit gefehlt“, sagt Pfeiffer. „Wir müssen Kurzsichtigkeit möglichst früh erkennen, denn ein unscharfes Bild trägt dazu bei, dass das Auge weiter wächst.“ Je ausgeprägter die Fehlsichtigkeit, umso höher ist das Risiko für eine Netzhautablösung, grünen oder grauen Star – die Gefahr steigt schon bei leicht eingeschränkter Fernsicht (-1 bis -3 Dioptrin). Weltweit ist Myopie der zweithäufigste Grund für das Erblinden. Kurzsichtigkeit sei für die Augengesundheit sogar so gefährlich wie Rauchen und hoher Blutdruck für Herz und Gefäße, warnten jüngst chinesische Forscher. Doch warum werden Menschen kurzsichtig? Ein Risikofaktor ist offenbar die Zeit, die ein Kind in der Schule, am Computer oder am Smartphone verbingt. „Bei Naharbeit muss sich das Auge anstrengen, damit das Bild scharf wird. Wie ein Muskel, der immer wieder beansprucht wird, stellt es sich auf diese Anforderungen ein, der Augapfel wächst“, sagt Pfeiffer. Das klingt nicht weiter überraschend. Und doch ist ein anderer Aspekt womöglich viel entscheidender für eine mögliche Kurzsichtigkeit: das fehlende Tageslicht. In Singapur etwa verbringen Kinder im Schnitt weniger als drei Stunden pro Woche im Freien. Doch Licht regt die Freisetzung von Dopamin in der Netzhaut an, was wiederum das Wachstum des Augapfels behindert. Eine chinesische Studie zeigte, dass schon 40 Minuten tägliches Spielen draußen Kinder vor Myopie schützen kann. Untersucht wurden Erstklässler; die Hälfte von ihnen durfte täglich knapp eine Dreiviertelstunde auf den Schulhof und war aufgerufen, auch in der Freizeit rauszugehen. In der dritten Klasse waren 30 Prozent von ihnen kurzsichtig, in der Kontrollgruppe dagegen 40 Prozent.

Tageslicht wirkt

Ob schon hellere Räume helfen würden, wird in China gerade erforscht: mit einem Klassenzimmer aus Glas. Tageslichtlampen wirken sich positiv auf die Fehlsichtigkeit aus, das weiß man bisher allerdings nur aus Versuchen mit Tieren. Brille oder Kontaktlinsen, Laseroperationen oder künstliche Linsen können die Kurzsichtigkeit korrigieren. Bei Kindern geht es aber darum, das Fortschreiten der Myopie zu verhindern. Das beste Medikament dagegen sind Augentropfen mit dem Nervengift Atropin, zeigt eine aktuelle Übersichtsarbeit. Das einfachste Mittel ist aber ganz sicher draußen spielen.

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