Positiv denken

Mehrfach habe ich bereits versucht, mich mit dem positiven Denken vertraut zu machen. Ich gebe zu, es ist mir ziemlich fremd.

Positiv denken

Illustration: © Maik Brummundt

Mehrfach habe ich bereits versucht, mich mit dem positiven Denken vertraut zu machen. Ich gebe zu, es ist mir ziemlich fremd. Niemals würde ich ein halbleeres Glas als halbvoll betrachten. Niemals eine Erkältung als „bloß eine Erkältung“, die man vom Rest meines (in starke Mitleidenschaft gezogenen) Wesens einfach abheben könnte wie ein wenig zu viel Sahne vom Pflaumenkuchen. Wenn in meinem Körper etwas wehtut, und sei es auch nur für eine Sekunde, ist es eben kein unbedeutender Schmerz, sondern einer, der mir etwas zu sagen hat. Und ich lasse ich ihn gern ausreden.

hypochonder_rgbNach den Prinzipien des positiven Denkens wird angeblich nur derjenige krank, der sich schlechte Gedanken macht. Diese führen zu selbsterfüllenden Prophezeiungen, die einem so ansatzlos ins Gesicht schlagen wie eine Monsterwelle am Strand von St. Peter-Ording. Die schlechten Erfahrungen bestärken einen dann im eigenen Pessimismus, und so geht es immer weiter: Krankheit, Pessimismus, Krankheit … bis man eines grauen Tages in Wolldecken gehüllt an seinem Kamillentee nippt und bei der Internetsuche nach neuen Krankheiten eher zufällig auf „Dr. Merkles Optimismus-Training“ stößt.

Sieh an, denkt man, die Kanzlerin, aber dass sie ihren Namen wieder falsch geschrieben haben … Aber dann merkt man natürlich rasch, es ist gar nicht die Kanzlerin, sondern der Diplom-Psychologe Dr. Merkle, der hier mit ruhigen Worten erklärt, was man im Leben so alles falsch machen kann: „Sie ziehen das Schlechte mit schöner Regelmäßigkeit genauso an wie ein Misthaufen die Fliegen.“ Dafür, dass ich ihn gar nicht kenne, haut er mir ganz schön was um die Ohren. Aber mit diesem feinen psychologischen Trick will er ja nur mein Denken in eine Richtung lenken, auf die es selbst eher nicht kommen würde.

Statt negativer Autosuggestion („Wer sich selbst aufgibt, ist verloren“) schlägt Dr. Merkle nämlich die positive Variante vor: „Sagen Sie stattdessen: Mein Körper und meine Abwehrkräfte sind stark.“ Ich gebe zu, ein verführerischer Gedanke, aber sollte das, was man denkt, nicht einen gewissen Bezug zur Realität haben? Ich meine nichts gegen Träumereien, aber nur, weil man 20-mal am Tag wiederholt, dass die Erde eine runde Scheibe ist, wird es ja dadurch nicht wahrer. Oder?

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