Reisefieber

Für Hypochonder Andreas Wenderoth sind ferne Länder keine Urlaubsparadiese, sondern Krankheitsparadiese. Er bekommt im wahrsten Sinne des Wortes Reisefieber

Reisefieber

Illustration: Maik Brummundt

Sie erwägen eine Reise? Sie sollten es sich gut überlegen. Allen raffinierten PR-Kampagnen zum Trotz sind die meisten Länder meines Erachtens keine Urlaubs-, sondern eher Krankheitsparadiese. Wenn ich wirklich einmal verreisen muss, befolge ich dabei stets einige grundlegende Kriterien, die mich bisher vor Schlimmerem bewahrt haben: Es darf nicht zu heiß sein, aber auch nicht zu kalt. Es sollte kein Krieg herrschen und sich auch keiner abzeichnen, jedenfalls nicht für die Dauer meines Aufenthalts. Man darf mich nicht nötigen, in Schlafsäcke zu steigen, und ich will mindestens dreimal am Tag duschen. Natürlich darf das betreffende Land keine Malariazone sein. Überhaupt lege ich großen Wert darauf, von Tieren weder gestochen noch gebissen zu werden. Die Wahl der möglichen Reiseziele dünnt sich dadurch naturgemäß ein bisschen aus.

ReisefieberUrlaub ist in meinen Augen aber ohnehin stark überschätzt. Ich jedenfalls versuche stets, so zu arbeiten, dass ich gar nicht erst urlaubsreif werde. Denn je weiter man sich von zu Hause entfernt, desto gefährlicher wird es. Asien? Afrika? Vergessen Sie’s! Zu feucht die Tage und viel zu unklar, was in den Nächten passiert (insbesondere, wenn das Moskitonetz vielleicht doch nicht ganz dicht ist). „Afrika für Hypochonder“ – das wäre ein schöner Titel für ein therapeutisches Wochenendseminar, aber mehr doch bitte schön nicht. Ich trinke lieber San Pellegrino als Wasser aus Pfützen, in dem ich zunächst ein paar Reinigungstabletten auflösen muss.

Langstreckenflüge kommen gar nicht infrage (Thrombose-Gefahr!), aber auch schon ein eineinhalbstündiger Flug nach Mallorca hat es mehr als in sich: Immer, wenn ich fliege, sind mindestens drei Todkranke an Bord. Sie niesen so vehement, dass ich jedes Mal fürchte, es könnte die Fenster aus der Verankerung sprengen. Und selbst wenn sie nicht in der Reihe direkt hinter mir sitzen, sorgt die Klimaanlage dafür, dass man immer in Verbindung bleibt. Gemessen daran, was in einem uneingeschränkt funktionsfähigem Flugzeug also an der Tagesordnung ist, erscheint die Gefahr von Triebwerksschäden oder Bermuda-Dreiecken geradezu lächerlich. Zu Hause kann man es sich doch auch schön machen, haben meine Eltern immer gesagt. Eigentlich spricht ja eine Menge dafür.

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