Smarte Diagnosen

Von nichts kommt nichts, und wer leiden will, muss etwas dafür tun

Smarte Diagnosen

Illustration: © Maik Brummundt

Von nichts kommt nichts, und wer leiden will, muss etwas dafür tun. Ich selbst habe zahlreiche Apps auf meinem Handy installiert, die mir unter anderem den schnellsten Weg zur nächsten Notfallapotheke, aber auch das vollständige Ärzteverzeichnis für den deutschsprachigen Raum anzeigen. Mithilfe einer Anatomie-App kann ich mich einzoomen in jeden Bereich meines Körpers, der mir ein diffuses Leidensbild signalisiert – um die Sache bei Bedarf zu konkretisieren. „Labormedizin“ zeigt mir Umrechnungsfaktoren und Normalwerte von Harnstoff, Eiweißen und Laktat – damit ich beim Hausarzt nicht auf dessen Verharmlosungen angewiesen bin.
Ein besonderer Quell der Inspiration ist für mich die tägliche Lektüre von „was-fehlt-mir.net“: 700 Krankheiten und mehr als 2500 Symptome. In langen Tabellen (Magen-Darm, Haut, Psyche etc.) kann man dort elektronisch ankreuzen, was einem gerade fehlt oder wovon man dies zumindest denkt. Am Ende drückt man auf einen roten Button – und schon wird die Diagnose ausgespuckt. Je mehr man ankreuzt, desto fundierter die Antwort, habe ich mir gedacht und versuchshalber einfach mal alles angekreuzt. Die Webdiagnose lautete daraufhin, dass ich mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent unter Zwangsstörungen leide.

Krankheit

Beschränken wir uns also, selbst wenn es schwerfällt, auf einige wenige Symptome. Auf die Kombination „trockenes Auge“, „Reizhusten“, „Nackenschmerzen“ diagnostiziert mir das Programm mit 48-prozentiger Wahrscheinlichkeit eine Luftröhrenentzündung, was ja zumindest für den Reizhusten eine gute Erklärung wäre. Als unwahrscheinlich, aber immerhin doch mit zehnprozentiger Wahrscheinlichkeit, werde ich auf die Möglichkeit eines Schlaganfalls hingewiesen, was sogar ich bei einem „trockenen Auge“ für etwas hochgegriffen halte. Etwas skeptisch bin ich auch, dass die simple Kombination von Konzentrations- und Schlafstörungen in meinem Fall zu 48 Prozent für ein prämenstruelles Syndrom gehalten wird. „Die Informationen sind kein Ersatz für professionelle Beratung oder Behandlung durch ausgebildete und anerkannte Ärzte“, heißt es auf der Website. Aber zumindest bestärken sie mich in dem Glauben, dass man mit dem Unwahrscheinlichen stets rechnen muss.

KOMMENTARE

DISQUS: 0