Verhängnisvolle Verbindungen

Grapefruit & Herzmittel, Brokkoli & Blutverdünner: Lebensmittel können die Wirkung von Medikamenten verändern. Was Sie beachten sollten

Verhängnisvolle Verbindungen

© iStock/Roel Smart

Jeder kennt den Satz „Zu Risiken oder Nebenwirkungen fragen Sie Ihren Arzt oder Apotheker“. Doch gerade mal 44 Prozent fragen oder lesen tatsächlich nach, wie ein Medikament eingenommen werden sollte. „Doch das ist wichtig“, sagt Kai-Peter Siemsen, Präsident der Apothekerkammer Hamburg. „Und zwar nicht nur wegen möglicher Wechselwirkungen mit anderen Arzneimitteln, sondern auch bezogen auf die Einnahme bestimmter Nahrungsmittel. Denn sie können Pillen, Säfte und Sprays im Extremfall unwirksam machen oder deren Wirkung beeinträchtigen und damit die Dosierung erschweren.“ Das betrifft laut Deutschem Apothekerverband über 300 Arzneistoffe. Wir nennen Ihnen Kombinationen, die nicht zusammenpassen.

Milch & Antibiotika

Bestimmte Antibiotika (sogenannte Gyrasehemmer wie etwa Norfloxacin oder Ciprofloxacin sowie Tetracycline wie Doxycyclin) sollten auf keinen Fall mit Milch oder Milchprodukten wie Joghurt oder Quark eingenommen werden. Siemsen: „Das enthaltene Kalzium verbindet sich mit den Arzneimolekülen zu festen Verbindungen, die nicht durch die Darmwand dringen können. Die Folge: Der Klumpen im Magen wird ausgeschieden, ohne seine Arbeit erledigt zu haben.“ Auch bei Mitteln gegen Osteoporose, Krebs- und Schilddrüsenerkrankungen kann der Mineralstoff einen negativen Einfluss haben. „Diese Arzneien sollten mit kalziumarmem Mineralwasser oder Leitungswasser eingenommen werden – und mit einer zweistündigen Verzehrpause von Milchprodukten vor und nach der Einnahme“, rät Apotheker Siemsen.

Grapefruitsaft & Herzmittel

Eigentlich ist die Zitrusfrucht wegen ihrer sogenannten sekundären Pflanzenstoffe ein tolles Lebensmittel. Denn in verschiedenen Studien zeigten Flavonoide eine Schutzfunktion gegen Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Krebs. Doch die Grapefruit- Substanz Naringenin stört im menschlichen Organismus Enzyme, die für den Abbau von Medikamenten zuständig sind. „Das gilt vor allem für Herzmittel mit dem Arzneistoff Nifedipin, zahlreiche andere Blutdruckmittel (Betablocker) sowie Allergiemittel, also Antihistamine. Die richtige Dosierung ist dann kaum möglich, da die Medikamente zu stark oder zu wenig wirken können“, so Siemsen. Wer diese Mittel nimmt, sollte daher grundsätzlich auf Grapefruits und den Saft verzichten.

Fisch & Antidepressiva

In Fisch stecken unterschiedliche Eiweiße, die sich nicht mit bestimmten Medikamenten gegen Depressionen vertragen: mit den sogenannten nichtselektiven Monoaminooxidase-Hemmern, kurz MAO-Hemmer (etwa Tranylcypromin). Denn wenn das Enzym Monoaminooxidase durch den Arzneistoff ausgebremst ist, können nicht bloß diese Eiweiße nur noch verlangsamt abgebaut werden, sondern auch zahlreiche körpereigene Botenstoffe, wie etwa Serotonin, Dopamin und Histamin, das eine zentrale Rolle bei Allergien spielt. Dieses Zusammenspiel kann zu nicht kontrollierbaren Ergebnissen führen. „Ist zu viel Histamin im Körper, können Herzrasen und Kopfschmerzen auftreten“, sagt der Apotheker. Patienten wird daher oft geraten, neben Fisch auch eiweißreiche und länger gelagerte Lebensmittel wie Käse, Salami und Rotwein zu meiden.

Tee & Eisenpräparate

Gegen Blutarmut nehmen viele Menschen Eisentabletten. Da diese einen unangenehmen metallischen Geschmack im Mund hinterlassen, ist die Versuchung groß, sie mit einem Schluck Tee oder Kaffee herunterzuspülen. „Doch die enthaltenen Gerbsäuren binden die Eisen-Ionen, die damit nicht mehr für den Körper zur Verfügung stehen“, weiß Siemsen. „Die Tabletten sind dann ohne Wirkung.“ Er empfiehlt zwei Stunden vor und nach der Einnahme auf Tee und Kaffee zu verzichten.

Lakritz & Entwässerungstabletten

Wassereinlagerungen im Gewebe belasten Herz und Lunge. Hier setzen Diuretika an: Sie verstärken die Entwässerung des Körpers über die Nieren und sollen den Organismus auf diese Weise entlasten. „Auch echte Lakritze aus Süßholz hat diesen Effekt. In Kombination mit Diuretika kann zu viel Kalium ausgeschieden werden“, so der Experte. „Kalium ist wichtig für die Herzfunktion und für die Nerven.“ Dann können ein erhöhter Blutdruck, Schläfrigkeit und eine Muskelschwäche auftreten.

Schwarzer Pfeffer & Asthmamittel

Wer Asthma-Medikamente mit dem Wirkstoff Theophyllin einnimmt, sollte von schwarzem Pfeffer besser die Finger lassen. Siemsen: „Die Pfeffer- Substanz Piperin hemmt den Abbau von Theophyllin – er reichert sich unter Umständen im Körper an und wird dadurch überdosiert. Die Folge können Zittrigkeit und Atemprobleme sein. Auch Gerbstoffe aus Grün- und Schwarztee können diese Nebenwirkungen verursachen.

Brokkoli & Blutverdünner

Etwa eine Million Menschen nehmen in Deutschland gerinnungshemmende Medikamente ein, zum Beispiel zur Schlaganfall-Prophylaxe. „Diese Personengruppe sollte nicht ständig große Mengen von Brokkoli, Blumenkohl, Avocado, Spinat, Erbsen oder Bohnen essen. Diese Lebensmittel enthalten viel Vitamin K, das den Wirkerfolg von den so genannten Antikoagulantien stark einschränken kann“, warnt der Experte. Das ist gerade dann ein Thema, wenn man seine Ernährung umstellt, hin zu viel Gemüse. „Grundsätzlich sollten Menschen, die dauerhaft Arzneien einnehmen, ihre Lebensweise nicht plötzlich und ohne Rücksprache mit ihrem Hausarzt verändern und etwa von jetzt auf gleich Veganer werden. Besser und gesünder ist eine langsame Umstellung, wenn es gewünscht ist.“

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