Von der Einsamkeit

Die Natur hat den Hypochonder bewusst als Einzelgänger angelegt. Um andere nicht zu sehr zu belasten

Von der Einsamkeit

Illustration: © Maik Brummundt

Die Natur hat den Hypochonder bewusst als Einzelgänger angelegt. Um andere nicht zu sehr zu belasten. Aber auch, weil er sich selbst in der Regel völlig ausreicht. Niemand hat so tiefes Verständnis für ihn und seine Befindlichkeiten wie er selbst. Niemand ist so verzeihend gegenüber seinen kleinen Schwächen wie er. Mein Freundeskreis besteht aus maximal einer Handvoll Personen, von denen ich vier bis fünf für wunderlich bis bedenklich halte. Ich glaube, sie denken über mich sehr ähnlich. Dabei würde ich mich nicht als Misanthropen bezeichnen, jedenfalls nicht generell.

Hypochonder

Ich habe durchaus Sympathien für Menschen mit Eigenheiten. Kurz gesagt: Ich mag Menschen wie mich. Mit anderen tue ich mich eher schwer. Wenn man ganz ehrlich ist zu sich, aber auch zu anderen, kann es um einen herum schnell einsam werden. Oder angenehm ruhig, je nachdem wie man es betrachtet. US-amerikanische Forscher haben allerdings herausgefunden, dass selbst der Einsamste nie wirklich allein ist. Eine Studie der North Carolina State University förderte bei der Untersuchung von 50 Häusern fast 600 verschiedene Kleinsttierarten zutage (wobei sie sich wohlgemerkt nur auf die sichtbaren Flächen konzentrierten). Durchschnittlich sind danach in jedem Haushalt etwa 100 Arten von Krabbeltieren unterwegs: Staubmilben, Bücherläuse, Silberfischchen, Kleidermotten, Spinnen, Termiten, Flöhe und die Deutsche Schabe (Blattella germanica) zeugen von einer großen Diversität daheim, einem meist ungewollten Biotop, das jedem Phobiker reichlich Material liefert. Irgendwie hat man es immer geahnt: Das eigene Haus, ein verdammter Dschungel! Schatz, wo hast du wieder das Sagrotan versteckt?

Noch schlimmer sieht es aus, wenn man sich selbst mit dazurechnet. In meinem eigenen Körper bin ich nämlich in der Minderheit. Auf jede Körperzelle kommt mindestens eine Bakterie, besonders ernüchternd ist es im Darm: Jeder Millimeter enthält etwa 1000 Mikroorganismen. Rechne ich alles mit dem Taschenrechner zusammen, komme ich zu der erschütternden Zahl von mindestens 30 Billionen Bakterien, die sich in und auf mir versammelt haben. Das ist so, als hätte ich gleichzeitig 4000-mal mit der Weltbevölkerung zu tun. So viel zur Einsamkeit.

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