Alle Achtsamkeit: Der Medizinpsychologe Niko Kohls im Interview

Achtsamkeit ist eine besondere Form der Aufmerksamkeit und kann wichtig für die Gesundheit sein - zeigt die aktuelle Forschung.

Alle Achtsamkeit: Der Medizinpsychologe Niko Kohls im Interview

Achtsamkeit bezeichnet eine besondere Form der Aufmerksamkeit, das Bewusstsein für das Jetzt und Hier. / ©iStock/vvvita

Wir haben Medizinpsychologe Niko Kohls zum Thema Achtsamkeit interviewt.

Herr Professor Kohls, wie definieren Sie Achtsamkeit?

Es gibt unterschiedliche Definitionen dazu, was Achtsamkeit bedeutet. Letztlich aber beschreibt Achtsamkeit die Fähigkeit, das Hier und Jetzt wie ein staunendes Kind zu erleben, das im Zoo zum ersten Mal einen Eisbären erblickt.

Inwiefern profitiere ich von einer solchen Art der Wahrnehmung?

Wenn man diese Fähigkeit regelmäßig praktiziert, verändert sie das Gehirn. Die Areale, die mit Emotionsverarbeitung und Selbstreflexion zu tun haben, werden größer. Aus Erkenntnissen der Neurobiologie wissen wir, dass Menschen, die achtsam leben und regelmäßig meditieren, weniger anfällig für stress- und altersbedingte Erkrankungen wie beispielsweise Bluthochdruck sind. Im Sinne der Gesundheitsförderung lohnt es sich also durch, achtsam zu leben.

Wie praktizieren Sie selbst im Alltag Achtsamkeit?

Nach einem Arbeitstag spaziere ich zum Beispiel durch den Hofgarten in Coburg, auf dem sich die turmbewehrte Burg der Stadt erhebt. Dabei nehme ich jeden Schritt und jeden Atemzug ganz bewusst wahr. Ich bewege mich nicht nur. Ich erlebe beim Gehen vielmehr ein synoptisches, achtsames Erlebnis. Oder ich jogge morgens um sechs Uhr durch meinen Hauswald und achte auf die Geräusche des erwachenden Tages. Das ist psychohygienisch äußerst wirksam!

Ich muss für Achtsamkeit also keine bestimmte Meditationshaltung einnehmen?

Nicht unbedingt. Man kann jederzeit und überall mit der Achtsamkeit anfangen, indem man auf den Moment achtet und sich auf ihn einlässt. Eine bestimmte Meditationshaltung ist dafür nicht nötig. Allerdings ist Achtsamkeit nicht unbedingt leicht. Bei den meisten Menschen setzen relativ schnell ablenkende Gedanken ein.

Was kann ich dagegen tun?

Es macht schon Sinn, den Übungen einen formalen Rahmen zu geben, wie dies in einem Meditationssetting geschieht. Man kann zum Beispiel an Gruppen-Achtsamkeitsseminaren teilnehmen, in denen man die Fähigkeit, das Hier und Jetzt bewusst zu erleben, mit anderen übt. Die Gruppenerfahrung trägt auch dazu bei, achtsames Verhalten über die Zeit zu stabilisieren. Außerdem hilft es, zu festen Zeiten zu üben. Als Frühaufsteher in den Morgenstunden, Nachtmenschen am Abend.


Der Begriff der Achtsamkeit fehlt heutzutage in kaum einen Lifestyle-Magazin. Wie war das, als Sie vor mehr als 20 Jahren mit der gesundheitspsychologischen Erforschung der Achtsamkeit begonnen haben?

Da wurde ich durchaus manchmal als Esoteriker belächelt. Inzwischen aber ist auch in den großen Unternehmen angekommen, dass Achtsamkeit Gesundheitsförderung und somit systematische Investition in die Mitarbeiter bedeutet. Viele Unternehmer merken bereits heute, dass ihre Mitarbeiter im Durchschnitt älter sind als noch vor einigen Jahren. Das liegt am demographischen Wandel, demzufolge 2030 die Hälfte Deutschen über 50 Jahre sein soll und fast jede dritte Person älter als 65. Und je älter die Menschen werden, umso anfälliger sind sie für Krankheiten – und natürlich auch für stressbedingte.

Sie haben im Rahmen eines Forschungsprojektes die Wirkung von Achtsamkeitstraining am Arbeitsplatz untersucht.

Genau. Wir haben den Mitarbeitern in über zwanzig Unternehmen gezeigt, wie sie im Alltag durch Achtsamkeitsübungen Stress abbauen können. Bei der von uns angeregten Meditation saßen die Teilnehmenden in einem Gruppensetting in einer bequemen Position in Stille und achteten auf ihren Atem. Außerdem haben wir mit ihnen an einem achtsamen Arbeitsstil gearbeitet, beispielsweise wie sie einen bewussteren Umgang mit ihren Emails implementieren können, indem sie ihr Postfach nur zweimal am Tag zu öffnen. Denn auch das permanente Checken der Mails verschlingt viel Energie und dehnt sich häufig bis in den Bereich der Freizeit aus. Im schlimmsten Fall ist eine E-Mail-Sucht die Folge, und auch die kann die Gesundheit beeinträchtigen.

Wie lauten die Ergebnisse ihres Forschungsprojekts?

Wir haben festgestellt, dass achtsamkeitsbasierte Interventionen am Arbeitsplatz Stress und somit auch das Burn-Out-Risiko reduzieren können – und das kann dazu führen, dass die Mitarbeiter weniger häufig krank werden. Die Mitarbeiter waren zufriedener, hatten einen klareren Fokus während der Arbeit, konnten sich besser konzentrieren und waren kreativer. Achtsamkeit hat also den Alltag vieler Arbeitnehmer erleichtert – und von der gestärkten Gesundheit profitieren letztlich alle.

Niko Kohls

Niko Kohls

© Niko Kohls

Niko Kohls ist Experte für Achtsamkeit und beschäftigt sich mit der Frage, wie die Menschen in einer zunehmend älter werdenden Gesellschaft möglichst lange gesund bleiben. Er forscht und lehrt an der Hochschule Coburg.

KOMMENTARE