Wie werden Arzneipflanzen angebaut?

Selbst sammeln macht Spaß, aber wer hoch dosieren will, dem reichen Tees meist nicht. Worauf es beim Anbau von Arzneipflanzen für Medikamente ankommt

Wie werden Arzneipflanzen angebaut?

© shutterstock/Neirfy

Ob das echte Kamille ist? Und das Schafgarbe? Es macht Freude, Heilkräuter zu pflücken und sich daraus einen frischen Tee zu kochen.
Doch für Arzneimittelhersteller kommt das Sammeln meist nicht infrage. Zum einen, weil der größere Bedarf den Bestand einer Heilpflanze gefährden könnte. Zum anderen, weil Arzneimittel gleichbleibende Inhaltsstoffe (sogenannte standardisierte Qualität) erfordern. „Das ist kaum zu machen über das Sammeln“, sagt Paul Weisbach von Dr. Loges in Winsen/Luhe. Und auch beim Anbauen nicht ohne viel Sorgfalt möglich.

Welche Faktoren entscheidend sind

1Das Wetter

Wenn es viel geregnet hat, kann womöglich erst mal gar nicht geerntet werden. Denn nasses Erntegut braucht länger zum Trocknen, droht also zu verderben. Bestimmte Wirkstoffe („Glykoside“) könnten sich zudem auswaschen. Auch die Tageszeit spielt manchmal eine Rolle: Steht etwa ein Lavendel in der prallen Sonne, verliert er an Inhaltsstoffen – genau darum duftet er dann so gut. Besser ist es in solchen Fällen, gleich morgens zu ernten.

2Die Jahreszeit

Häufig bilden sich die für die Medizin interessanten Inhaltsstoffe in ganz bestimmten Pflanzenteilen: Bei der Kamille etwa in den Blüten, beim Schöllkraut in den Milchröhren, bei Baldrian in den Wurzeln. Davon hängt auch ab, wann man am besten erntet, um möglichst viel Wirkstoff einzufahren: Oberirdische Pflanzenteile wie Blätter meist während der Blüte, Rinden am besten im Frühjahr, wenn der sogenannte Saftstrom aufsteigt. Wurzeln für gewöhnlich am Ende der Vegetationsperiode ernten, also im Herbst.

3Der Boden

Ist er sandig, lehmig oder moorig? Das spielt nicht nur für die Wasser- und Nährstoffversorgung eine Rolle, es hat auch Einfluss darauf, wie feinfaserig die Wurzeln wachsen. Das natürliche Umfeld einer Pflanze auf dem Feld zu simulieren ist manchmal gar nicht so einfach. Die Rosenwurz zum Beispiel fühlt sich in Felsspalten und extrem kargem Gelände am wohlsten. Jahrelang haben Experten daran getüftelt, unter welchen Feldbedingungen die Pflanze dennoch reichlich Salidroside und Rosavine produziert, die für die adaptogene (stressausgleichende) Wirkung wesentlich sind. „Jetzt gibt es Felder in Nordhessen und im Süden Dänemarks“, sagt Paul Weisbach. „Wo genau sie sind, ist Geschäftsgeheimnis.“

4Die Wartezeit

Wer Arzneipflanzen anbaut, muss unter Umständen viel Geduld haben: Drei Jahre braucht z. B. die Wurzel der Rosenwurz, um eine nennenswerte Menge Wirkstoff herzustellen. Ein Feld kann also erst nach drei Jahren abgeerntet werden. Und man braucht drei Felder, um jedes Jahr ausreichend Material für die Arzneimittelproduktion (in diesem Fall von Rhodiolan von Dr. Loges) zu haben.

5Die Aufbewahrung

Das frische Erntegut darf nur flach geschichtet werden, sonst könnte es sich erhitzen. Und das würde bedeuten, dass die Enzyme in den Pflanzen unkontrolliert Inhaltsstoffe abbauen, womöglich auch die arzneilich wirksamen.

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