Auf der koketten Seite

Der eingebildete Kranke

Auf der koketten Seite

Illustration: © Maik Brummundt

Es gibt Leute, die beruhigen sich selbst, indem sie hin und wieder ein Aspirin schlucken. Ich persönlich schwöre auf Kernspintomografie. Ist ungemein modern, teuer und führt trotzdem nur ganz selten zu handfesten Ergebnissen. Gott sei Dank natürlich, ich sehne sie mir ja nicht herbei. Ich lege überhaupt keinen Wert auf eine ernste Krankheit. Nichts fürchte ich mehr als sie. Ich finde eben nur, dass man sie nicht gleich ausschließen sollte, nur weil im Moment vielleicht eher mehr dagegen als dafür spricht.

klein„Der eingebildete Kranke“ heißt die Komödie von Molière, wobei der Kranke ja gar nichteingebildet ist, sondern er bildet sich seine Krankheit ein. Hypochondrie hat ein schlechtes Image und wird oft für eine Marotte willensschwacher Simulanten gehalten. Aber weder ist der Krankheit willentlich beizukommen noch sind echte Hypochonder Simulanten. Genau das ist das Problem dabei. Es gab ein paar Krankheiten in meinem Leben, auf die ich lieber verzichtet hätte. Schlimmer als sie waren jedoch die, die ich nie hatte. Was bedeuten die Lichtblitze, die manchmal auftauchen, wenn man aus dem Sessel aufsteht? Kann hinter dem Drehschwindel in den heißen Tagen nicht auch ein Gehirntumor stecken? Deuten Bauchschmerzen nicht fast immer auf Magenkrebs hin? Und worauf, bitte schön, weisen die roten Flecken auf der Haut hin?

Der Hypochonder weiß: stets auf das Schlimmste! Neben aller Ironie mal ein paar Basics: Im klinischen Sinne als Hypochondrie gilt, wenn dieser Zustand, unabhängig von anders lautenden Versicherungen der Ärzte, mindestens ein halbes Jahr andauert. Noch weiter verbreitet sind die Fälle der sogenannten Somatisierer, die neunmal so hohe ambulante Behandlungskosten wie gewöhnliche Kranke verursachen. Bei ihnen steht nicht die Furcht vor Krankheiten im Vordergrund, vielmehr leiden sie an wechselnden (medizinisch nicht ausreichender klärbaren) körperlichen Beschwerden.

Die Übergänge vom narzisstischen Partyschwätzer, der mit seinen Ängsten kokettiert, zum echten Hypochonder, der psychisch schwer krank ist und dringend der Behandlung bedarf, sind fließend. Ich befinde mich wahrscheinlich irgendwo dazwischen – wobei ich natürlich inständig hoffe, noch auf der koketten Seite zu stehen.

 

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