Autoimmunerkrankungen: Stress, lass’ nach?

In Deutschland leiden zehn bis 15 Million Menschen an Autoimmunerkrankungen. Welche Rolle spielt Stress bei ihrem Ausbruch?

Autoimmunerkrankungen: Stress, lass’ nach?

Multiple Sklerose, Diabetes Typ-1, oder Hashimoto: Woher kommen diese Autoimmunerkrankungen? ©iStock/solar22

Was sind Autoimmunerkrankungen?

Multiple Sklerose, Diabetes Typ-1, Rheumatoide Arthritis, Morbus Bechterew, Hashimoto oder Lupus erythematodes: So unterschiedlich die Krankheiten sind, eint sie doch eines: Die Abwehrkräfte attackieren bei ihnen den eigenen Körper. Sie sind falsch programmiert, und das Immunsystem, das eigentlich vor Infektionen schützen soll, arbeitet gegen sich selbst. In der Folge kann es zu Entzündungen kommen, die die Gesundheit unter Umständen schwer beeinträchtigen. Entweder richtet sich die Immunabwehr gegen ein bestimmtes Organ, zum Beispiel die Haut, wie bei Schuppenflechte. Oder sie wirkt systemisch, also im ganzen Körper, das ist bei entzündlichen Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen der Fall. Ungefähr 80 bis 100 verschiedene Autoimmunerkrankungen sind bekannt, an denen weltweit ungefähr fünf bis acht Prozent der Bevölkerung leiden. Mit dieser Häufigkeit bilden die Autoimmunerkrankungen nach Herz-Kreislauf- und Tumorerkrankungen die dritthäufigste Erkrankungsgruppe, Tendenz steigend.

Warum richtet sich der Körper gegen sich selbst?

Die eine, ausschlaggebende Ursache für ein fehlgesteuertes Immunsystem existiert nicht. Vielmehr scheinen mehrere Faktoren zusammenzukommen, wenn eine Autoimmunkrankheit ausbricht. Eine genetische Veranlagung spielt mit hoher Wahrscheinlichkeit eine Rolle, die möglicherweise durch Life-Events wie Infektionen, Schlafentzug oder Veränderungen im Hormonhaushalt getriggert werden kann. Auch die Frage, ob ein Vitamin-D-Mangel Immunerkrankungen wie Multiple Sklerose verursachen kann, oder ob er eine mögliche Folge der MS ist, gilt es noch zu erforschen.

Welche Rolle spielt Stress?

Immer wieder steht, eine genetische Prädisposition vorausgesetzt, die Frage nach den Auswirkungen des Stresses im Fokus. Konkrete Hinweise auf den Zusammenhang von Stress- und Immunsystem stammen aus Studien zu Patienten mit posttraumatischem Stresssyndrom (PTSD). Frühere Untersuchungen hatten beispielsweise gezeigt, dass bei US-Veteranen, die im Vietnam- oder im Irak-Krieg eine PTBS erlitten hatten, häufiger eine Autoimmunerkrankung diagnostiziert wurde.

Wie wirkt Stress auf das Immunsystem?

Stress- und Immunsystem sind eng miteinander verknüpft. Das offenbart sich darin, dass das autonome Nervensystem und die Hypophysen-Hypothalamus-Nebennieren-Achse (HHN-Achse) bei akutem Stress über das limbische System aktiviert werden. In Vorbereitung auf Flucht oder Kampf wird sowohl das sympathische Nervensystem, als auch die Cortisolproduktion der Nebenniere hochgefahren.

Huan Song von der the University of Iceland in Reykjavik hat diesen Zusammenhang zwischen Stress und den Auswirkungen auf die Hypothalamus-Hypophyse-Nebennieren-Achse in Wechselwirkung mit dem Immunsystem untersucht – und zwar in einer bevölkerungsweiten Studie. An ihr nahmen mehr als 100 000 Schwedinnen und Schweden teil, die zwischen 1983 und 2013 wegen einer posttraumatischen Belastungsstörung oder anderer stressbedingter Erkrankungen im Krankenhaus behandelt wurden. Ihre Ergebnisse hatten sie durch den Vergleich von Geschwistern untermauert. Das Resultat: Von den Teilnehmenden entwickelten in den folgenden zehn Jahren mehr als 8.284 eine Autoimmunerkrankung, bei der ein fehlgeleitetes Immunsystem den eigenen Körper angreift.

Weitere Studien bestätigen solche Zusammenhänge: In der sogenannten Nurses Health Study, an der Frauen mit einem posttraumatischem Stresssyndrom teilnahmen, war die Inzidenz, also die Häufigkeit von Ereignissen bezogen auf die Zeit, der Rheumatoiden Arthritisabhängig von der Schwere der PTSD um 68 Prozent erhöht. Beim Systemischen Lupus erythematodes war die Inzidenz sogar um 162 Prozent erhöht.

Ist wirklich der Stress der auslösende Faktor?

PTBS-Patienten und Patientinnen leiden oftmals unter Schlafstörungen, und einige neigen zu einem vermehrten Drogenkonsum, beispielsweise von Zigaretten oder Alkohol. Auch diese Faktoren könnten für ein erhöhtes Erkrankungsrisiko verantwortlich sein. So wäre es möglich, dass nicht der Stress, sondern die durch ihn ausgelöste Änderung des Lebensstils den Ausbruch der Autoimmunerkrankung begünstigt.

Wie immer man auch die Studien interpretiert, gilt grundsätzlich, dass sich eine über längere Zeit andauernde Stresssituation nachteilig auf die seelische Gesundheit auswirkt. Und sie beeinträchtigt überdies das Immunsystem. Menschen, in deren Familie Autoimmunerkrankungen gehäuft auftreten, könnten diese Erkenntnis also zum Anlass nehmen, um sich Stress in ihrem eigenen Leben zu vergegenwärtigen. Und ihn, sofern möglich, zu minimieren.

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