Kennen Sie Ihren Blutzuckerspiegel?

Besser wär‘s. Und dann gibt es noch ein paar mehr Dinge, die wirklich jeder über Diabetes wissen sollte. Denn die Krankheit ist verbreiteter denn je, und viel zu oft bleibt sie unentdeckt

Kennen Sie Ihren Blutzuckerspiegel?

© istock.com/Rostislav_Sedlacek

Es ist eine Epidemie: Um beunruhigende 38 Prozent ist die Zahl der an Diabetes Erkrankten seit Ende des Jahrtausends gestiegen, so die Deutsche Diabetes-Hilfe, mehr als sechs Millionen Deutsche sind heute betroffen. Besonders dramatisch daran: Jeder Fünfte weiß noch nicht mal von seiner Erkrankung. Vor allem Typ-2-Diabetes breitet sich aus. Dabei reagieren die Körperzellen nicht mehr ausreichend auf das Hormon Insulin, das im Körper die Aufgabe hat, Blutzucker (Glukose) aus dem Blut in die Zellen zu schleusen, wo er verbraucht wird. Die Bauchspeicheldrüse, die das Hormon produziert, läuft daraufhin erst mal zu Höchstleistungen auf, um noch mehr herzustellen, bis sie mit der Zeit erschöpft ist und irgendwann womöglich gar kein Insulin mehr liefert. Dieser Prozess bringt den ganzen Stoffwechsel vollkommen durcheinander und birgt große Gefahren, vor allem für die Blutgefäße: Das Schlaganfallrisiko verdoppelt bis verdreifacht sich, und jedes Jahr erblinden Menschen wegen ihres hohen Blutzuckers, andere werden etwa dialysepflichtig, weil ihre Nieren stark beschädigt sind. Doch man kann viel dafür tun, Diabetes nicht zu bekommen. Und wer betroffen ist, muss sogar viel für sich und seine Gesundheit tun. Doch dafür braucht es Informationen. Hier sind die wichtigsten.

1Zuckerkrankheit tut nicht weh. Diabetes Typ 2 entwickelt sich langsam und zunächst kaum spürbar. Entdeckt wird die Krankheit oft zufällig oder wenn sich Folgeschäden bemerkbar machen, wie schlechtes Sehen oder Beschwerden in den Beinen. Bereits bei etwas erhöhten Blutzuckerwerten, einer Vorstufe zum Diabetes, besteht ein größeres Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall. Viele Betroffene haben weitere Krankheiten. „Auf jeden Herzpatienten mit Diabetes kommt ein Herzkranker, der nichts von seinem Diabetes weiß“, sagt Prof. Dirk Müller-Wieland, Chefarzt an der Asklepios Klinik St. Georg in Hamburg.

2Auch junge Menschen erkranken. Ab dem Alter von 40 Jahren nimmt die Zahl der von Diabetes Typ 2 Betroffenen stark zu. Denn mit den Jahren produziert der Körper weniger Insulin. „Alterszucker“ hieß die Krankheit deshalb lange. Doch inzwischen kommt sie schon bei ganz jungen Leuten vor, verfünffacht habe sich die Zahl der Neuerkrankungen unter Jugendlichen in den vergangenen Jahren, so die Deutsche Diabetes- Hilfe. Im Fachblatt „Lancet“ schrieben kürzlich finnische Forscher, dass das Patientenalter, ein früher verlässliches Diagnosekriterium, mittlerweile nur noch „von geringem klinischen Wert“ sei.

3Betroffene sind nicht immer dick. Ja, es stimmt, dass viele Pfunde als ein Hauptrisikofaktor gelten. Trotzdem sind 10 bis 20 Prozent der Typ-2-Diabetes-Patienten normalgewichtig. Meist haben sie eine genetische Veranlagung für die Krankheit. Bewegungsmangel kann zum Ausbruch der Krankheit beitragen, genau wie chronischer Stress, zum Beispiel durch hohe Arbeitsbelastung bei wenig Entscheidungsspielraum, oder dauerhaft gestörter Schlaf. Manchen Menschen sieht man das Übergewicht auch nicht an. Sie haben aber eine ungünstige Fettverteilung in den Organen, die sich negativ auf Blutdruck und Blutzuckerwerte auswirken kann.

4Ob Diabetes entdeckt wird, kann vom Test abhängen. Wer besonders Diabetes-gefährdet ist, sollte auf mehr als einen Test bestehen. Denn die Blutzuckertests sind unterschiedlich genau, und das zählt gerade in frühen Stadien der Krankheit. Der Nüchternblutzuckertest ist der Grund, warum man zum Gesundheitscheck beim Hausarzt immer vor dem Frühstück kommen muss: Er zeigt an, wie viel Zucker lange nach dem Essen noch im Blut kursiert, und sollte unter 100§Milligramm pro Deziliter liegen. Eine weitere Standarduntersuchung ist der sogenannte HbA1c-Test, der den Mittelwert des Blutzuckers in den vergangenen Wochen angibt (optimal: unter 5,7 Prozent). Allerdings gilt: „Wenn weder HbA1c noch die Nüchternglukose erhöht sind, aber Risikofaktoren vorliegen, kann Diabetes trotzdem nicht ausgeschlossen werden“, sagt der Internist Müller-Wieland. Wer übergewichtig ist, sich wenig bewegt, einen hohen Blutdruck oder nahe Verwandte hat, die an Diabetes erkrankt sind, sollte darum einen sogenannten oralen Glukosetoleranztest (oGTT) machen. Der Test ist der empfindlichste, aber auch der aufwendigste: Dazu wird erst der Blutzuckerwert bestimmt, dann trinkt der Patient eine Zuckerlösung mit einer festgelegten Menge Glukose darin, und nach 60 sowie nach 120 Minuten wird wieder getestet, wie hoch der Blutzuckerspiegel ist. So wird klar, wie gut der Körper die Glukose aus dem Blut heraus in die Zellen schleusen kann. Übrigens: Während Männer häufiger einen erhöhten Nüchternblutzuckerspiegel haben, ist bei Frauen öfter die Glukosetoleranz gestört.

5Es muss nicht immer gleich Insulin sein. Diabetes ist eine fortschreitende Erkrankung. Erst wenn die Bauchspeicheldrüse immer weniger Insulin produziert, wird ein Ersatz nötig. Wie lange das dauert, ist bei jedem Patienten anders, bei vielen sind es Jahre, manche brauchen gleich nach der Diagnose Insulin. „Es gibt beim Typ-2-Diabetes unterschiedliche Verlaufsformen, die aber noch nicht gut verstanden sind“, sagt der Diabetologe Müller- Wieland. Einmal Insulin-Therapie muss auch nicht für immer Insulin bedeuten. Manchmal genügt es, die Blutzuckerwerte ins Lot zu bringen, damit die Bauchspeicheldrüse wieder besser funktioniert.

6Sport ist besser als Tabletten. Muskeln verbrauchen Glukose, sodass der Blutzuckerspiegel bei Bewegung sinkt. Darum brauchen viele Patienten durch Sport weniger oder sogar keine Medikamente mehr – und das ganz ohne Nebenwirkungen. Bewegung senkt zudem das Risiko für Folgeerkrankungen, darum sollten Betroffene sich an mindestens fünf Tagen in der Woche eine halbe Stunde so bewegen, dass sie leicht ins Schwitzen kommen. Allerdings ist es wichtig, vorher mit dem Arzt zu sprechen, denn der erhöhte Glukoseverbrauch kann bei Insulinbehandlung zu Unterzuckerung führen. Bewegung wirkt auch vorbeugend. Studien haben gezeigt, dass Menschen mit hoher Gefährdung durch Sport und gesunde Ernährung ihr Diabetes-Risiko innerhalb von fünf Jahren um satte 58 Prozent senken können.

7Betroffene dürfen alles essen. Selbst Süßes und Alkohol sind in Maßen erlaubt, kürzlich belegte eine Studie mit Diabetes-Patienten sogar einen herzgesunden Effekt durch ein Glas Rotwein am Abend. Doch wer zuckerkrank ist, sollte sich möglichst gesund ernähren – wie andere Menschen auch. Geraten wird etwa zu einfach ungesättigten Fetten, wie sie in Olivenöl und frischem Seefisch stecken. Etwas weniger Kalorien zu sich zu nehmen wirkt sich positiv auf die Insulinwirkung und den Fettgehalt der Leber aus, zeigte eine Studie. Für gewöhnlich werde allen Patienten mit Typ-2-Diabetes empfohlen, zunächst fünf Prozent Körpergewicht abzunehmen, sagt Prof. Müller-Wieland. Manche Lebensmittel senken auch das Risiko, an Typ-2-Diabetes zu erkranken. Am effektivsten vermutlich solche mit reichlich Ballaststoffen wie Vollkornprodukte oder Hülsenfrüchte. Günstig ist außerdem Kaffee.

8Psychotherapie hilft. Das Leben mit Diabetes ist oft belastend, es braucht Disziplin, um die Empfehlungen dauerhaft umzusetzen. Dazu kommen häufig die Angst vor Langzeitschäden oder Schuldgefühle wegen des eigenen Lebensstils. Betroffene haben ein doppelt so hohes Risiko, depressiv zu werden, wie die Bevölkerung im Durchschnitt. Depressionen verschlechtern aber meist die Stoffwechselerkrankung. Stressreduktion und Psychotherapie können daher ganz konkreten Nutzen haben, bis zur Verbesserung der Blutzuckerwerte. Das Forschungsinstitut der Diabetes-Akademie Bad Mergentheim hat zum Beispiel eine Kurzzeit- Verhaltenstherapie für Diabetes-Patienten entwickelt, deren Wirksamkeit bei drohenden Depressionen jetzt nachgewiesen wurde.

 

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