Darmkrebs: der Blick in unser Inneres

Bei allem, was den Darm betritt, gucken wir lieber nicht so genau hin. Hat ja schließlich mit Verdauung zu tun, mit Körperausscheidungen. Auch darum gibt es rund um das Thema Darmkrebs so viel Unkenntnis und so viele Irrtümer. Wir klären die wichtigsten auf

Darmkrebs: der Blick in unser Inneres

© shutterstock/WAYHOME studio, Illustration: Deborah Tyllack

Soll ich mal zur Vorsorge gehen, um mich auf Darmkrebs untersuchen zu lassen?

Die meisten von uns wissen, dass das grund­sätzlich schon sinnvoll wäre. Schließlich ist Darmkrebs häufig, und viel zu oft ist er töd­lich: Bei Männern sind Geschwüre in Kolon (Dickdarm) und Rektum (Enddarm) nach Pros­tata­ und Lungenkrebs die dritthäufigste Krebs­todesursache in Deutschland, bei Frauen ran­gieren sie sogar auf Platz zwei nach Brustkrebs.

Dabei lässt sich Darmkrebs hervorragend be­handeln – wenn man ihn denn rechtzeitig ent­deckt. Darum gibt es seit 15 Jahren die Darm­krebsvorsorge beim Gastroenterologen, die bis heute vielen das Leben gerettet hat: Zwischen 2003 und 2012 ging die Darmkrebssterblichkeit bei Männern ab 55 Jahren um fast 21 Prozent zurück, bei Frauen dieser Altersgruppe sogar um mehr als 26 Prozent.

Doch trotz solcher Zahlen erfordert es oft viel Überwindung, eine Vorsorgeuntersuchung in Anspruch zu nehmen. Denn man muss dafür zum Arzt, obwohl man keinerlei Beschwerden hat, und sich danach womöglich mit einem beunruhigenden Ergeb­nis auseinandersetzen.

Hinzu kommt: Die we­nigsten wissen, ab wann man denn gehen sollte oder wie so eine Vorsorgeuntersuchung aus­ sieht. Es halten sich viele falsche Überzeugun­gen rund um das Thema. In Kooperation mit der Deutschen Gesellschaft für Gastroenterolo­gie, Verdauungs­- und Stoffwechselkrankheiten (DGVS) räumen wir hier mit den häufigsten auf.

1. Mit unter 50 bekommt man keinen Darmkrebs.

Falsch. Auch ganz junge Leute kann die Krankheit treffen, und zwar vor allem dann, wenn sie in der Familie bereits aufgetreten ist. In einer Studie der University of Texas hatte von knapp 200 Betroffenen unter 35 gut ein Drittel ein sogenanntes vererbbares Krebssyn­drom. Wessen Eltern oder Geschwister Darm­krebs haben oder hatten, der sollte deshalb be­reits früh – zehn Jahre vor dem Diagnosealter des Verwandten – zum ersten Mal zur Darm­spiegelung gehen, denn sein Erkrankungs­risiko ist etwa zwei­ bis dreimal so hoch wie bei denjenigen ohne familiäre Vorbelastung.

Richtig ist dagegen: Neun von zehn Darm­krebspatienten erkranken der Deutschen Krebsgesellschaft zufolge nach dem 55. Lebens­jahr. Darum greifen die allgemeinen Vorsor­geuntersuchungen auch nicht für junge Leute. Allerdings nimmt Darmkrebs bei Jüngeren schon seit Jahren zu. Ganz aktuell ist eine Un­tersuchung aus Frankreich, die kürzlich beim europäischen Gastroenterologen­-Kongress vorgestellt wurde: Ihr zufolge werden bei 45­ bis 49-­Jährigen nicht nur sehr viel mehr Stellen mit Zellwachstum (Neoplasien) gefunden als bei den fünf Jahre jüngeren, sondern erstaunli­cherweise auch mehr als bei fünf Jahre älteren Menschen.

Selbst wenn man die familiär vor­belasteten Studienteilnehmer heraus rechnet, bleibe der Anstieg in dieser Altersgruppe auf­fällig, so Studienleiter David Karsenti – es spreche alles dafür, mit einer routinemäßigen Vorsorge bereits mit 45 Jahren zu beginnen. Schon in diesem Alter mal mit dem Hausarzt darüber zu sprechen, ob ein Test auf versteck­tes Blut im Stuhl sinnvoll wäre (siehe Frage 3), ist also nicht übertrieben.

2. Aber ich würde es doch merken, wenn etwas nicht stimmt.

Leider erst viel zu spät. Darmkrebs wächst sehr langsam, meist über einen Zeit­raum von zehn bis 15 Jahren. Im Anfangsstadi­um verursacht er kaum Symptome. Und das bisschen Blut, das sich schon bald im Darm befindet, kann man nicht sehen. Wenn Be­schwerden auftreten, ist der Krebs oft bereits weit fortgeschritten oder hat Metastasen gebil­det.

„Keine andere Vorsorgemöglichkeit ist so effizient wie die Darmkrebsvorsorge“, sagt Dr. Dietrich Hüppe, Sprecher der Fachgruppe Darmkrebs im Berufsverband Niedergelasse­ner Gastroenterologen Deutschlands. Denn während einer Darmspiegelung erkennen Arzt oder Ärztin Krebsvorstufen oder Polypen, aus denen sich ein bösartiger Tumor entwickeln kann, und entfernen diese auch gleich – bevor der Krebs überhaupt entsteht. Bei frühzeitiger Diagnose liegen die Heilungschancen bei 85 bis 95 Prozent; wird der Krebs spät entdeckt, sinken sie deutlich.

3. Darmkrebsvorsorge bedeutet, dass ich zur Darmspiegelung muss.

Nicht automatisch. Manchmal reicht auch ein sogenannter immunologischer Stuhl­ test („iFOBT“), der sich als zuverlässiger erwie­sen hat als der bisher übliche sogenannte Gua­jak­-Test („gFOBT“). Für den Test gibt man eine Stuhlprobe in einem speziellen Röhrchen beim Arzt ab, der es ins Labor schickt. Die Kassen erstatten die Untersuchung seit April vergan­genen Jahres für alle Versicherten ab 50 Jahre.
In diesem Alter (und darunter) ist eine Darm­spiegelung erst angeraten, wenn beim iFOBT Blutspuren im Stuhl entdeckt wurden. „Ab dem 55. Lebensjahr empfehlen wir dann jedem Bürger die Darmspiegelung als Vorsorge“, so Hüppe. Ist der Befund unauffällig, sollte sie nach zehn Jahren wiederholt werden. Ihnen fällt es schwer, dann auch daran zu denken? Gemäß Beschluss des Krebsfrüherkennungs­- und ­-registergesetzes sollen Versicherte zu­künftig per Brief zur Vorsorge eingeladen wer­den, ähnlich wie beim Brustkrebs.

4. Die Darmspiegelung ist unangenehm und schmerzhaft.

Nicht automatisch. Denn heutzutage gehört die sogenannte Sedierung auf Wunsch mit dazu. Die Patienten bekommen ein Beru­higungsmittel gespritzt und erleben die ganze Prozedur – man liegt seitlich auf einer Liege, während Arzt oder Ärztin einen biegsamen Schlauch mit einer Kamera durch den After in den Darm einführt – im Dämmerschlaf, stress­- und schmerzfrei.

Um bessere Bilder machen zu können, wird durch den Schlauch auch etwas Gas in den Darm geschickt, das ihn leicht auf­bläht. Heute nutzt man dazu in vielen Praxen Kohlendioxid (CO2), das schneller abgebaut und abgeatmet wird als Raumluft. So lässt sich der unangenehme Blähbauch nach der Unter­suchung oft verhindern. Die Darmspiegelung dauert etwa eine halbe Stunde. Sie wird ambu­lant beim Gastroenterologen durchgeführt. Wie schnell man danach wieder nach Hause kann, hängt vor allem davon ab, ob man eine Schlafspritze bekommen hat oder nicht.

5. Es gibt auch sanfte Methoden zur Darmreinigung im Vorfeld.

Eher nicht. „An einer gründlichen Darm­reinigung – also dem umfassenden Abführen vor der Untersuchung – führt kein Weg vor­bei“, sagt Dietrich Hüppe. Häufig kommt es vor, dass der Darm von Patienten nicht gründ­lich genug gereinigt ist. Dann kann der Arzt Polypen oder andere Auffälligkeiten im Darm nur schwer erkennen.

Neue Studien zeigen, dass für eine optimale Darmreinigung das Ab­führen in zwei Etappen am effektivsten ist. Dabei sollten die Patienten auf zwei Tage ver­teilt eine Polyethylen­-Lösung trinken. Bereits in den Tagen zuvor ist außerdem ballast­stoffarme Kost angezeigt: Nudeln, helles Brot, nur wenig Gemüse.

6. Darmkrebs bekommt man durch falsche Ernährung.

Das ist zumindest teilweise richtig. Tat­sächlich begünstigen viel rotes Fleisch und fette sowie kohlenhydratreiche Lebensmittel die Entstehung der Krankheit. Um vorzubeu­gen, empfehlen Experten eine ballaststoffrei­che Kost, damit sich die Nahrung möglichst schnell durch den Körper bewegt. Auch ausrei­chende Bewegung trägt dazu bei.

Bestimmte Schadstoffe in der Nahrung wie Nitrosamine, die beim Braten von gepökelten und geräu­cherten Wurst-­ und Fleischwaren entstehen, zählen ebenso zu den Risikofaktoren.

7. Männer und Frauen haben das gleiche Risiko, an Darmkrebs zu erkranken. Oder?

Falsch. Das Risiko ist bei Männern höher als bei Frauen, sie erkranken auch rund fünf Jahre früher. Dabei könnte eine Rolle spielen, dass sie für gewöhnlich deutlich mehr Fleisch und weniger ballaststoffreiches Gemüse essen (sie­he oben). Darum wird derzeit darüber nach­ gedacht, Männern bereits ab dem Alter von 50 Jahren eine Darmspiegelung zu empfehlen.

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