Das Aquarium und der Aquarianer

Kolumnist Andreas Wenderoth findet ein Aquarium unheimlich spannend. Das Problem: Er weiß zu viel über die Geschehnisse unter der Wasseroberfläche

Das Aquarium und der Aquarianer

Das Aquarium und der Aquarianer

Ein Aquarium kann, wie man weiß, sehr beruhigend wirken. Jedenfalls für den, der nicht um die Geschehnisse im Wasser weiß. Denn die Fische, die dort so körperlos leicht schweben und in schillernden Farben den Betrachter erfreuen, können Brutstätten für allerlei Unangenehmes sein. Jede elegante Flossenbewegung kann unter Umständen davon zeugen, dass soeben ein schöner Schwall Mykobakterien das stehende Gewässer vollständig kontaminierte.

Sagen wir, Sie greifen – vielleicht zu Wartungsarbeiten – mal eben hinein, im Wasser ist nicht genug Chlor, und Ihre Katze hat sie vorher gekratzt. Dann haben Sie jetzt neben Ihrer offenen Wunde ein Problem, das den Namen verdient. Vielleicht kommen Sie drüber hinweg, dass der Fisch sterben wird, aber die Beulen und Geschwüre, die er Ihnen vermacht hat, werden Sie noch lange beschäftigen, denn die Mykobakteriose spricht nicht besonders gut auf Antibiotika an.

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Eine Sonderstellung in der Beziehung Mensch–Fisch nimmt ganz ohne Zweifel der Brasilianische Vampir-Fisch Candiru ein, umgangssprachlich auch „Penisfisch“ genannt, womit praktischerweise gleich der Ort gekennzeichnet ist, an dem er sich vorzugsweise einnistet. Ein bleistiftschmaler, maximal 15 Zentimeter langer, fast durchsichtiger Wels, der gern mal in Ihren Harnleiter eindringt und mit seinen scharfen Zähnchen das eine oder andere Stückchen herausbeißt. Der Fisch wird wahrscheinlich vom Harnstoff angelockt, dessen Spur er in aller Gründlichkeit zu seiner Quelle verfolgt. So gesehen sollten Sie niemals ins Wasser urinieren. Insbesondere nicht im Amazonas.

Der Versuch, den Candiru an seiner Flosse herauszuziehen, ist zum Scheitern verurteilt, weil er sich mit seinen stachelartigen Widerhaken einrasten lässt, wo immer es ihm gerade beliebt. Selbst wenn er es wollte, konstruktionsbedingt kann er sich gar nicht wieder zurückziehen. Befreiung bringt in vielen Fällen nur eine aufwendige Operation. Die Amazonas-Indianer, die vom „Fluch des Flusses“ sprechen, führen Extrakte der feigenartigen Xagua-Pflanze und des Buitach-Apfels ein. Dadurch soll der Fisch getötet werden und sich auflösen. Leider ist die Urwald-Mixtur dermaßen giftig, dass man daran sterben kann. Das kann allerdings auch passieren, wenn man nichts tut.

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