Eine Männerdomäne

Es sind meist die Frauen, die unsere hypochondrischen Züge erdulden und erleiden müssen

Eine Männerdomäne

Ja, ich habe alles, jedes Kratzen im Hals ist eine schwere Erkältung, und Kopfschmerzen deuten grundsätzlich auf einen Gehirntumor hin. Aber wenigstes bin ich damit nicht allein. Vor allem befinde ich mich in männlicher Gesellschaft. Natürlich gibt es auch Vertreterinnen des weiblichen Geschlechts mit entsprechenden Neigungen, doch im Kern ist die Hypochondrie eher eine Männerdomäne. Es sind also meist die Frauen, die unsere hypochondrischen Züge erdulden und erleiden müssen.

Hypochonder MännerdomäneMeine Freundin teilt das Schicksal von Millionen anderer Leidensgenossinnen in diesem Land. Sie alle haben, als sie etwas leichtfertig ihre Beziehung eingingen, nicht das volle Ausmaß dessen erkannt, was sich in kleineren Bemerkungen ihres neuen Freundes bereits frühzeitig ankündigte. Sie wussten nicht, was es heißt, mit einem Menschen zusammen zu sein, der im überwiegenden Teil seiner Handlungen einer panischen Angst folgt, die sich aus tatsächlichen und vermeintlichen Angriffen auf seine Gesundheit speist.

In der Hochphase ihrer Verliebtheit waren sie bereit gewesen, großmütig zu überhören, wenn er wieder einmal in der Art seines Vaters sagte, er fühle sich heute „etwas indisponiert“ und folgerichtig leider auch nicht in der Lage, diesen oder jenen Freund, Kollegen oder Bekannten zu treffen. Oder sie auf eine Hochzeit von Menschen zu begleiten, die er gar nicht kennt, und wegen eines leichten Ziehens im Magen natürlich auch unter gar keinen Umständen kennenlernen möchte. Ich habe nun das relativ große Glück, eine vergleichsweise wenig neurotische Freundin zu haben, die überwiegend freudvoll und pragmatisch an ihre Tagesaufgaben geht. Und der geradezu unvorstellbaren Meinung ist, sie könne für die meisten Herausforderungen des Lebens Lösungen finden (während ich eher glaube, sie ergeben sich in der Regel von selbst … und nicht unbedingt in meinem Sinne). Wenn ich krank bin, erwarte ich Trost und Zuspruch von ihr; in den seltenen Fällen, da sie es ist, bin ich – insbesondere bei Ansteckungsgefahr – völlig unangemessen distanziert. Ich wechsle dann sofort das Zimmer, schütze überraschende Arbeit vor und lege ihr nahe, doch mal ein paar Tage zu verreisen. Allerdings mache ich natürlich auch alles, damit sie gesund bleibt. Schon im eigenen Interesse.

 

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