Wie fühlt sich eine Essstörung an, Jana Crämer?

Die Bloggerin und Autorin Jana Crämer erzählt in unserem Interview von ihrer Essstörung „Binge Eating“ und davon, was ihr hilft.

Wie fühlt sich eine Essstörung an, Jana Crämer?

Mit ihrem besten Freund, dem Musiker Batomae, geht Jana Crämer zu Konzertlesungen an Schulen und spricht über ihre Essstörung. Bild © Eckard Albrecht

Jana Crämer, wie würdest Du Deinen Körper beschreiben?

Eine ganze Zeit lang dachte ich immer nur: Du widerliche Masse Mensch. Denn das  Bindegewebe hat bei den vielen Diäten, die ich im Laufe meines Lebens gemacht habe, schlapp gemacht, und hängt seitdem herunter. Außerdem ist meine Haut komplett vernarbt und hat tiefe Risse. Ich seh’ am Bauch aus wie ein geplatzter Ballon. Knautschi, sag ich oft zu ihm. Aber der Körper gehört zu mir. Und letztlich bin ich ihm wirklich dankbar, dass er das, was ich ihm all die Jahre über mit meiner Essstörung angetan habe, ausgehalten hat und weiter funktioniert. Entsprechend würde ich nicht sagen, dass er schön ist. Aber er ist meiner. Und nun ist es an der Zeit, dass ich lieb zu ihm bin. Ich hab einiges wieder gut zu machen.

Du hast noch vor einigen Jahren 180 Kilo gewogen.

Ja. Bei einer Größe von 1,68 Metern war das natürlich eine gesundheitliche Katastrophe. 

Dann hast Du einhundert Kilo abgenommen. Wie hat sich Deine Essstörung entwickelt? 

Ich war immer schon dicker als die anderen, aber bis ich aufs Gymnasium gekommen bin, hat mich das nicht gestört. Ich war halt ich, und das war gut. Auf dem Gymnasium fing es dann an, dass ich nicht wie die anderen in die angesagten Klamotten gepasst habe, vor allem in keine Jeans. Die einzige Möglichkeit, dazuzugehören, war, so dachte ich, mich in diese bekloppte Hose zu hungern. Irgendwann schlugen meine Diäten ins Gegenteil um. Das kleinste Stück Kuchen, das ich auf einem Geburtstag gekostet habe, führte dazu, dass sich bei mir im Kopf ein Schalter umgelegt hat: „Du Versagerin: Jetzt ist es egal. Jetzt kannst Du auch richtig schlemmen“, dachte ich. 

Und hast immer weiter gegessen? 

Genau. Das war dann der Jojo-Effekt. Dick. Dünn. Dick. Dünn. Von einer Diät in die nächste. So kam ich von einem zwischenzeitlichen Normalgewicht auf schließlich 180 Kilo. 

Was würdest Du sagen war der Auslöser für Deine Essstörung? 

Mein Vater war Alkoholiker, ich bin insofern mit einer Form von Suchtverhalten und Maßlosigkeit groß geworden. Bei mir hat sich das dann auf das Essen übertragen. (Anm. d. Red.: In diesem Artikel auf Jana’s Website erfahren Sie mehr über ihre Vergangenheit: “Ja, meine Kindheit war die Hölle”).

Hast Du gewusst, dass Du an einer Essstörung leidest?

Die Begriffe Anorexie, also Magersucht, und Bulimie oder Ess-Brechsucht, kannte ich. Aber ich war weder sehr dünn, noch habe ich mich nach jedem Fressanfall übergeben. Manchmal schon, aber eben nicht immer. Ich dachte, ich bin einfach undiszipliniert. Dann bin ich durch Zufall auf den Begriff Binge Eating Disorder gestoßen. Das ist eine Essstörung, für die diese Heißhungeranfälle typisch sind, und bei der sich die Betroffenen aber nicht wie bei der Bulimie übergeben. Wobei ich letztlich atypisches Binge Eating habe, weil ich mir ja schon manchmal den Finger in den Hals gesteckt habe. 

Wie sind Deine Fressattacken abgelaufen? 

Ich habe zunächst überlegt, in welchem Supermarkt ich für den letzten Fressflash eingekauft hatte, damit ich nicht wieder in den gleichen Laden gehe. Ich wollte nicht, dass die Kassiererin mich erkennt. Dann bin ich mit dem Handy am Ohr durch den Supermarkt gelaufen und habe beim Einpacken in den Wagen so getan, als ob ich mit einer Freundin einen Mädelsabend plane: „Für Sabrina hab ich jetzt die Schokoküsse, für Tina die Chips…“. 

Du hattest Angst vor den Blicken und Gedanken der anderen?

Klar. Dass die denken: „Friss doch noch mehr, damit du noch fetter wirst“. Es waren ja auch die ungesündesten Sachen, die ich aufs Kassenband gelegt habe: Schaumküsse, Schokolade, Pizza, Chips. Eis, ungefähr im Wert von 70 Euro. Ich hab immer die teuren Produkte gekauft, kein No-Name, weil ich dachte, dass ich mich jetzt zum allerletzten Mal vollstopfe. Da wollte ich es zum Abschied nochmal richtig krachen lassen. 

Und das Essen selbst – wie lief das ab? 

Ich habe immer alles aufgegessen. Auch das hängt mit der Idee des letzten Mals zusammen. Ich durfte keine Vorräte aufbewahren, weil ich mich anschließend ja gesund ernähren und Sport treiben wollte. Zur Not habe ich zwischendurch gekotzt und dann weitergegessen.

Hast Du irgendwas dabei gemacht – einen Film geguckt?

Es lief immer ein Film, ich wollte mich ja auf keinen Fall mich damit beschäftigen, was ich tue, sondern mich ablenken. Aber es war kein gemütliches Vor-Den-Film-Setzen, sondern ein Reinstopfen, ein Schlingen. Denn je länger man sich Zeit lässt, umso schneller und stärker quillt das Essen im Magen auf. Und dann hätte nicht alles reingepasst. Oder der Magen wäre so voll gewesen, dass das Fressen schwer gefallen wäre. 

Typisch für Binge Eating sind im Anschluss Schuld- und Ekelgefühle. Ging es Dir auch so?

Ja. Ich habe gekrümmt und wie hochschwanger auf dem Bett gelegen, mir den Bauch gehalten und geweint, weil mir alles weh tat. Und natürlich habe ich mich sehr dafür verachtet, dass ich wieder einen Anfall hatte und mir geschworen, dass es wirklich das allerletzte Mal war. Während ich da lag, hatte ich meistens mein Handy in der Hand und habe nach der nächsten Crash-Diät gesucht. Ich hatte aus der Apotheke immer so kleine Taschenkalender, wo ich Woche für Woche das fiktive Gewicht eingetragen habe, das ich bis zu diesem Tag erreicht haben wollte – bis zu meinem Wunschgewicht von 68 Kilo. 

Warum hast Du so lange gewartet, bis Du zu einem Therapeuten gegangen bist? 

Ich hatte das Gefühl, dass es mir nicht schlecht genug geht. Bis mir klar wurde: Der Therapeut bekommt Geld dafür, mir zu helfen, es ist kein Geschenk. Und außerdem ist es mein gutes Recht, mir Hilfe zu suchen, ich zahle schließlich Krankenkassenbeiträge. Aber erst einmal waren da riesengroße Ängste: Was soll ich erzählen? Muss ich 45 Minuten lang die Alleinunterhalterin zu spielen? So war es natürlich nicht. Letztlich bin ich zu einem Psychoanalytiker gegangen, bei dem ich mich einmal in der Woche auf die Couch gelegt und mich selbst und meine Essstörung reflektiert habe. Mir hat es sehr geholfen, und inzwischen ist die Essstörung innerhalb der Therapie kein großes Thema mehr. Der Therapeut meinte allerdings auch, ich hätte schon einiges an Vorarbeit geleistet, weil ich  mich meinem besten Freund anvertraut und mich mit ihm ausgetauscht habe.

Du meinst den Sänger Batomae, mit dem Du inzwischen auf Konzertlesungen an Schulen gehst und über Deine Essstörung sprichst.

Ja. Wir haben uns kennen gelernt, als ich Managerin seiner früheren Band „Luxuslärm“ war. Ich wog damals noch ungefähr 160 Kilo. Zunächst habe ich nicht über mich und mein Essverhalten gesprochen. Ich war überzeugt, wenn er es wüsste, würde er sich von mir abwenden. Irgendwann habe ich ihm dann so sehr vertraut, dass ich ihn einweihen wollte. Also habe ich alles von mir preisgegeben und ihn mein Tagebuch lesen lassen. Ich war ganz überrascht, dass er mich nicht ekelig fand, dass er weiter an meiner Seite geblieben ist. Aus meinem Tagebuch ist dann mein autobiografischer Roman „Das Mädchen aus der 1. Reihe“ entstanden – Erste Reihe, weil ich früher immer so gerne auf Konzerten in der ersten Reihe stand.

Batomae hat zu Deinem Buch den Soundtrack geschrieben. In dem Song „Unvergleichlich“ bist Du im Video halbnackt zu sehen und in einem Moment, in dem Du Dich über der Toilette übergibst. Wie war das für Dich, so an die Öffentlichkeit zu treten? 

Das war die Hölle. Ich hatte noch nie einen Freund, also hatte mich auch noch nie jemand so gesehen. Gleichzeitig habe ich mein Verhalten öffentlich gemacht, weil ich zeigen wollte, dass da draußen niemand mit seinen Ängsten und Gefühlen allein sein muss. Ich wollte für alle diejenigen mutig sein, die ihren Mut verloren haben. Für das Video gab es zwar nicht nur Lob, sondern auch viele Beleidigungen, aber das ist okay. Denn ich finde es einfach wichtig, über seine Probleme zu sprechen, nichts zu verschweigen. Darum gehts auch in unserem Podcast „Schweigen ändert nichts“.

In Deutschland soll jedes fünfte Kind im Alter zwischen elf und 17 Jahren Symptome einer Essstörung aufweisen. Was rätst Du betroffenen Kindern und Jugendlichen?

Jedem, der sich mit seinem Körpergewicht nicht wohl fühlt, der unter seinem Essverhalten leidet und daran verzweifelt, weil er es nicht in den Griff bekommt, rate ich: Bitte nicht googeln. Bitte nicht wie ich nach der nächsten Crash-Diät schauen und irgendwelche überteuerten Abnehmprodukte raussuchen. Wendet euch an jemanden, dem ihr vertraut, geht zu einem Arzt, einem Psychologen oder schreibt eurer Krankenkasse und fragt nach Hilfe.

Gerade erschien Dein nächstes Buch: Unvergleichlich Du – wie Du Deine beste Freundin wirst.

Kannst Du uns einen Tipp verraten, der Dir besonders hilft, wenn Du mal in eine Krise rutscht – sei es bedingt durch das Essen oder aus anderen Gründen? 

Eine Übung aus meinem Buch ist, sich hinzusetzen und einen Zeitstrahl aufzumalen, beginnend mit der Geburt über verschiedene Stationen bis zur Gegenwart. Dann trägt man die Phasen ein in denen es einem schlecht ging. Man sieht optisch sofort: Das Leben hat Höhen und Tiefen, und die Tiefen sind dafür da, wieder Anschwung zu nehmen, man muss ja den nächsten Berg erklimmen können.

Jana Crämer: Unvergleichlich Du! Wie du deine beste Freundin wirst (erschienen am 26. Mai 2020)

Entsprechend hilft es mir immer sehr, wenn ich mir klar mache, dass alles, was ich brauche, in mir liegt. Dass ich es schon einmal geschafft habe, aus dem Tief zu kommen. Dann gelingt es mir auch ein zweites oder drittes Mal.

Jana Crämer www.unvergleichlich-du.de

Jana Crämer – Foto © Eckard Albrecht

Über 20.000 Fans folgen Jana Crämer auf ihren Social-Media-Kanälen und ihrem Blog Endlich ich. Für ihren Mut in der Kommunikation wurde die Wahl-Berlinerin mit dem SignsAward18, dem Oscar der Kommunikationsbranche, geehrt und gilt als eine der authentischsten Botschafterinnen für Bodypositivity.

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