Gemüsechips: Lizenz zum Knabbern

Fast wie frisch vom Feld? Wie gesund Gemüsechips wirklich sind

Gemüsechips: Lizenz zum Knabbern

© Kramp + Gölling Fotodesign/Picture Press

Ja, sie bestehen aus Gemüse. Und, ja, es ist eine Freude, sie vor dem Fernseher wegzuknuspern. Aber kann es das geben – ungetrübten und uneingeschränkten Snack-Spaß? Die neuen Chips aus Roter Bete, Süßkartoffel oder Pastinake versprechen es. „Viele dieser Produkte erwecken tatsächlich den Eindruck, rundum gesund zu sein“, bestätigt auch die Hamburger Ernährungsmedizinerin Dr. Claudia Drobik. „Diese Vorstellung ist allerdings falsch.“

Theorie und Praxis

Es gibt eigentlich nur einen Punkt, in dem die neuen Chips wesentlich besser dastehen als ihre Vorgänger aus der Kartoffel. „Gemüsechips enthalten deutlich mehr Ballaststoffe, und die haben einen positiven Einfluss auf die Verdauung“, sagt Claudia Drobik. Beim Kaloriengehalt sind beide fast gleichauf, Gemüsechips bringen es im Durchschnitt pro 100 Gramm nur auf zehn bis 20 Kalorien weniger. Lediglich Knabbereien aus Kohlsorten wie Wirsing oder Grünkohl sind mit neun statt 30 Gramm Fett pro 100 Gramm deutlich im Vorteil. Der Grund: Sie werden gedörrt und nicht frittiert.

Dichtung und Wahrheit

Auch wer auf Vitamine in den knusprigen Scheiben hofft, wird enttäuscht. Vor allem B- und C-Vitamine sind extrem licht- und wärmeempfindlich und überstehen keine heißen Bäder in Sonnenblumenöl. Dieses wird in der Lebensmittelindustrie am häufigsten eingesetzt, weil es billig ist und stark erhitzt werden kann. Dr. Drobik: „Aus Ernährungssicht ist es eher ein mittelgutes Öl, das zu viele Omega-6- Fettsäuren enthält und zu wenige Omega-3- Fettsäuren.“ Wer zu Chips greift, die mit Oliven- oder Rapsöl hergestellt wurden, snackt darum gesünder. Ganz schlecht sind industriell gehärtete Fette, die meist als „pflanzliches Fett, z. T. gehärtet“ auf der Zutatenliste erscheinen. Bei dieser Haltbarmachung entstehen sogenannte Transfettsäuren, die langfristig das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen erhöhen. Und wie sieht es mit den natürlichen Zutaten aus? „Fast alle Hersteller verzichten mittlerweile auf Geschmacksverstärker, das ist eine gute Entwicklung. Aber: Nicht alles, was natürlich klingt, ist auch automatisch besser“, grenzt Medizinerin Drobik ein. So könne Guarkernmehl, das als natürliches Verdickungsmittel eingesetzt wird, in größeren Mengen unverträglich sein und damit zu Bauchschmerzen und Blähungen führen. Auch das Naturprodukt Zitronensäure könne Allergien auslösen und erhöhe die Aufnahme von Aluminium aus anderen Lebensmitteln im Körper. Aluminium steht im Verdacht, schwere Erkrankungen wie Brustkrebs und Alzheimer begünstigen zu können.

Soll und Haben

Negativ schlägt bei allen Chips auch der hohe Salzgehalt zu Buche. Er liegt bei den meisten Sorten zwischen 1,1 und 1,6 Gramm pro 100 Gramm. Eine weggeknabberte Tüte kann darum schnell mehr als die Hälfte der empfohlenen Tagesmenge decken (laut Weltgesundheitsorganisation sind das maximal fünf Gramm bzw. ein Teelöffel). „Ein hoher Salzkonsum führt zu Blutdruckproblemen und ist eine Belastung für die Nieren und das Herz-Kreislauf-System“, sagt Dr. Drobik, die sich als Mitglied im Bundesverband Deutscher Ernährungsmediziner e. V. engagiert. Ach ja, und: Manche Gemüsechips enthalten auch größere Mengen Zucker. Das Fazit der Expertin: „Gemüsechips können frisches Obst und Gemüse nicht ersetzen, das täglich auf dem Teller liegen sollte.“ Nur leider bleibt es da halt oft liegen. Was ein Snack mitbringen muss, damit wir zügellos werden, ist übrigens sogar wissenschaftlich erforscht. Lebensmittelchemiker der Universität Erlangen fanden heraus, dass es bei den meisten von uns kein Halten gibt, wenn die Knabberei zu 50 Prozent aus Kohlenhydraten und zu einem Drittel aus Fett besteht.

Lust und Last

Doch Naschen und Snacken gehören zu unserem Leben dazu. „Es ist in einem normalen Maße auch vollkommen in Ordnung“, so Claudia Drobik. „Verbote steigern nur die Lust und führen zu Frust.“ Und wie geht Knabbern ohne Reue? Zum einen mit kleinen Packungsgrößen, die Produkte in Bioqualität meist ohnehin haben. Und zum anderen mit Nüssen. Die Expertin: „Sie sind tatsächlich ein optimaler Snack, denn sie enthalten viele Vitamine und gute Fette.“

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