Gesundheitsschädlicher Rassismus: Interview mit Stephanie Cuff

Rassismus ist laut Grundgesetz verboten. Trotzdem gehört er für viele Menschen zum Alltag und schadet auch gesundheitlich. Ein Interview.

Gesundheitsschädlicher Rassismus: Interview mit Stephanie Cuff

Rassismus kann die Gesundheit stark beeinträchtigen. / ©iStock/dashu83

Frau Cuff-Schöttle, Sie arbeiten in Berlin als psychologische Beraterin und Therapeutin und beschäftigen sich unter anderem mit den Auswirkungen von rassistischen Erfahrungen auf die seelische und körperliche Gesundheit. Welche alltagsrassistischen Äußerungen sind weit verbreitet?
Beispielsweise die Aussage “Sie können aber gut Deutsch!”. Das ist zwar oft nett gemeint, kommt aber oftmals mit der unterschwelligen Botschaft beim Empfänger an: “Sie können keiner oder keine von UNS sein”. Außerdem: “Sie sind die Ausnahme! Andere Ihrer Art sind weniger pfiffig!” Genauso gibt es Alltagsrassismus auf nonverbaler Ebene. Etwa, wenn im Bus die Handtasche plötzlich fester gehalten wird, wenn ich mich dazu setze. Wenn ich beim Bäcker stehe, und alle werden angelacht, aber sobald ich an der Reihe bin, geht die Mimik nach unten. Oder bei der Wohnungssuche ist mit hoher Sicherheit klar, dass ich die Wohnung nicht bekomme, wenn neben mir ein deutsches, weißes Pärchen steht.

Inwiefern ist Ihnen selbst Alltagsrassismus bekannt?
Es gibt ein interessantes Konzept von dem Psychoanalytiker Fakhry Davids, das meine alltägliche Erfahrung ganz gut beschreibt. In diesem Konzept geht es um die sogenannte innere rassistische Organisation bei Menschen. Diese führt laut Davis dazu, dass Stereotype in die Menschen projiziert werden, die man beispielsweise aufgrund eines anderen Hauttons nicht als zugehörig zur eigenen Gruppe erlebt. Also, wenn ich als Schwarze Frau* gut tanzen und singen kann, viel lache oder aber auch die temperamentvolle Exotin bin, ecke ich selten an, bekomme sogar oft Zuspruch. Wenn ich mit meinem Auftreten und meinem Verhalten von der Erwartung jedoch abweiche, wird es schon schwieriger.

Zum Beispiel?
Letztens war ich auf einer Fortbildung. Dort sprach mich ein Therapeut an und sagte lachend, er sei über meine Anwesenheit im Fortbildungsseminar verwundert und habe sogar vergessen, dass ich am ersten Tag auch schon teilgenommen habe, weil er Schwarze Menschen eher als Exoten und erotische Geschöpfe abgespeichert habe. Auf einer Veranstaltung über Diagnostikverfahren würde er sie einfach nicht erwarten. Ich denke, er wollte eigentlich seiner Bewunderung Ausdruck verleihen, aber solche Situation sind bezeichnend. Ich musste sofort daran denken, wie nah die Wirklichkeit an Fakhry Davids Idee ist.

Inwiefern können sich rassistische Diskriminierung und rassistische Gewalt auf die Gesundheit der Betroffenen auswirken?
Viele Menschen, die täglich mit rassistischer Diskriminierung konfrontiert werden, erleben das als sehr belastend. Sie berichten von chronischer innerer Angespanntheit, großer Wut, Hilflosigkeit und der Angst vor bestimmten sozialen Situationen. Dies wirkt sich natürlich auch körperlich aus, beispielsweise in Form von Schlafstörungen oder körperlichen Schmerzen, die oft nicht in Zusammenhang zu körperlichen Erkrankungen stehen. Es gibt eine Reihe an Symptomen, die im Zuge von sogenanntem ‘race-related stress’ entstehen können. Potenziert sich dieser Stress oder kommt das Erleben rassistischer Gewalt hinzu, geht dies zudem oftmals mit der Entwicklung von Traumafolgestörungen einher.

Gibt es hierzu Studien?
Leider viel zu wenige aus dem deutschsprachigen Raum. Aber Amma Yeboah, Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie, beschreibt in einem Überblicksessay den Zusammenhang von Rassismus und Stress und Rassismus und Trauma. Bei den Studien zeigt sich: Wer wiederholt mit Rassismus konfrontiert wird, ist unter Umständen sehr gestresst. Und die Stressreaktionen können wiederum das Entstehen von Depressionen und Angststörungen begünstigen. Und sie bringen möglicherweise auch ein erhöhtes Risiko für Psychosen mit sich. Im englischsprachigen Raum gibt es dazu deutlich mehr Forschung und Belege. Der Psychologe Robert T. Carter von der Columbia University fasst verschiedene Studien zusammen, die belegen, dass Rassismus ähnliche Effekte auf die psychische und emotionale Gesundheit der Betroffenen haben kann wie sexuelle Gewalt oder andere traumatische Erlebnisse.

Aus Forschung zum Dritten Reich ist bekannt, dass Traumata über Generationen hinweg weitergegeben werden.
Ja. Ich beobachte häufig, dass von rassistischer Diskriminierung und -Gewalt betroffene Eltern oftmals sehr belastet sind und unter enormen Druck stehen. Sie geben diesen Druck natürlich an ihre Kinder weiter.

Können Sie mir ein Beispiel nennen?
Ich habe beispielsweise eine Schwarze deutsche Mutter beraten, deren Sohn in der Schule rassistisches Mobbing erlebt hat. Durch dieses Erlebnis wurde die Mutter an eigene Erlebnisse mit rassistischer Diskriminierung im Kind- und Jugendalter erinnert. Ihre damals gespürte Scham, Hilflosigkeit und Angst wurden reaktiviert. Sie hatte sich im Laufe der Jahre zwar Strategien erarbeitet, die es ihr erlaubten, mit der eigenen Diskriminierungserfahrungen umzugehen. Aber durch die Betroffenheit ihres Kindes hatte sie dazu plötzlich keinen Zugang mehr. Die Mutter war traurig und fühlte sich sehr schuldig.

Wie hat sich das sich das Erleben der Mutter auf den Sohn übertragen?
Die Mutter wurde strenger und gab ihrem Sohn ungewollt das Gefühl, dass er das Mobbing möglicherweise verhindern könne, wenn er sich nur angepasster verhalten würde. Sie wusste natürlich, dass das so nicht stimmt. Aber im Gespräch kristallisierte sich heraus, dass sie selbst früh beigebracht bekommen hatte, dass man sich als Schwarzes Mädchen unauffällig, leiser, angepasster, moralisch korrekter und fleißiger zu benehmen hat. Und diese Muster wurde durch die Erfahrungen mit ihrem Kind wieder voll aktiviert.

Gibt es einen Ausweg aus dieser Spirale von Anpassungsdruck?
Das, was andere Menschen an uns herantragen und in uns sehen wollen, lässt sich nicht einfach abstellen. Aber meine Klientinnen und Klienten empfinden den Austausch über das Erlebte oftmals als sehr entlastend. Indem wir in den Gesprächen den Rassismus und seine Wirkmechanismen auf Psyche und Körper als größeres Phänomen betrachten, schaffen wir es, von dem Gefühl wegzukommen, dass man selbst als Einzelperson das Problem ist oder nur man selbst dieses Problem hat. Wir schauen uns auch gemeinsam die eigenen Grundannahmen an und besprechen dann, welche Haltung und welche Reaktionen man entwickeln möchte, um sich und seine Liebsten zu stärken und durch das Fahrwasser des Alltagsrassismus besser hindurch zu kommen. Es gibt auch im Internet mittlerweile einige Möglichkeiten, sich online mit Menschen zu vernetzen, die Erfahrungen mit rassistischer Diskriminierung gemacht haben und die sich gegenseitig durch Tips und Informationen unterstützen.

Sie habend die virtuelle Online-Plattform MyUrbanology.de gegründet und wurden für den Health-i Award von dem Handelsblatt und der Techniker-Krankenkasse nominiert.
Genau. Meine Mitgründerin Alina Hodzode und ich haben mit MyUrbanology.de eine Onlineplattform ins Leben gerufen mit dem Ziel, Vorbilder, psychosoziale Angebote und Vernetzungsmöglichkeiten sichtbarer zu machen. Dabei haben wir uns zunächst an den Menschen, Wohlfühlorten und Angeboten orientiert, die uns als Schwarze deutsche Frauen selbst ansprechen und uns stärken.

Was kann man tun, wenn man im Alltag rassistische Bemerkungen mitbekommt – auch wenn man selbst nicht Empfänger dieser rassistischen Nachricht ist?
Auf Empfehlung der Berliner Registerstellen, die diskriminierend motivierte Vorfälle sammeln, analysieren und Alltagsdiskriminierungen sichtbar machen, gibt eine ganze Reihe von Dingen die man tun, kann wenn man Zeuge von Angriffen oder Diskriminierungen wird (siehe Kasten). Ein erster Schritt ist allerdings, sich dafür erst einmal für das Problem zu sensibilisieren, damit man in solchen Situationen überhaupt handlungsfähig ist.

Wie verhalte ich mich am besten, wenn ich mitbekomme, dass jemand Opfer von Rassismus wird?

Stephanie Cuff-Schöttle: „Es ist wichtig, die Situation nicht runterzuspielen und zu handeln. Beispielsweise kann man Hilfe holen oder andere Menschen, die anwesend sind, aktiv als Zeugen mit einbeziehen. Außerdem kann es hilfreich sein, sich Notizen zur Situation zu machen, also zum Ort und zur Zeit sowie zum Täter oder zur Täterin. Denn wenn man den Vorfall zur Anzeige bringt, sind das nützliche Informationen. In jedem Fall ist es sinnvoll, die Registerstellen zu informieren. Dadurch wird für solche Vorfälle Sichtbarkeit geschaffen.“ (Kontakt: registerstelle@nusz.de)

*Schwarze Menschen ist eine Selbstbezeichnung und beschreibt eine von Rassismus betroffene gesellschaftliche Position. “Schwarz wird großgeschrieben, um zu verdeutlichen, dass es sich um ein konstruiertes Zuordnungsmuster handelt und keine reelle‚ Eigenschaft‘, die auf die Farbe der Haut zurückzuführen ist. So bedeutet Schwarz-Sein in diesem Kontext nicht, einer tatsächlichen oder angenommenen ‘ethnischen Gruppe‘ zugeordnet zu werden, sondern ist auch mit der gemeinsamen Rassismuserfahrung verbunden, auf eine bestimmte Art und Weise wahrgenommen zu werden.“ – Quelle: Glossar für Diskriminierungssensible Sprache

Stephanie Cuff-Schöttle

Stephanie Cuff

Stephanie Cuff-Schöttle

Stephanie Cuff-Schöttle, 1981 in der Nähe Stuttgart geboren, arbeitet als Psychologin in Berlin. Seit 2008 begleitet sie Menschen in den Bereichen Resilienzförderung, Prävention. Diagnostik und Beratung. Sie arbeitet ressourcen- und lösungsorientiert und verfügt über Zusatzausbildungen unter anderem in systemischer Familien-und Paartherapie und autosuggestiven Entspannungsverfahren.

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