Eine Heldenreise beginnt im Kopf: Interview mit Jörg Leupold

Langgehegte Hoffnungen, heimliche Wünsche und Träume? Auf einer Heldenreise kann man ihnen näher kommen. Ein Interview mit Hypnocoach Jörg Leupold.

Eine Heldenreise beginnt im Kopf: Interview mit Jörg Leupold

Eine Heldenreise kann das Unterbewusste ans Tageslicht bringen. / Foto ©iStock/Choreograph

Wir haben mit Coach Jörg Leupold über die Heldenreise gesprochen.

Herr Leupold, was ist eine Heldenreise?

J.L.: Bei der Heldenreise empfängt der Held einen Ruf, dem er früher oder später folgt. Unterwegs stößt er dann auf allerhand Hürden und Herausforderungen. Die kann er unter anderem meistern, weil er einen Mentor trifft, der ihn begleitet und unterstützt. Am Ende der Reise hat sich der Held verändert und seine Aufgabe gelöst, er hat den Ruf sozusagen erfüllt. Diese Heldenreise findet sich in verschiedenen Geschichten und Mythen, die sich seit Jahrhunderten erzählt werden – das hat der Anthroposoph Joseph Campbell Mitte des 20. Jahrhunderts herausgefunden. Inzwischen wird die Heldengeschichte ganz bewusst in Drehbüchern verwendet, und sie kommt in der Persönlichkeitsentwicklung zum Einsatz.

Welche bekannten Heldenreisen gibt es?

Luke Skywalker zum Beispiel aus Star Wars. Er wächst bei Adoptiveltern auf und erhält den Ruf durch Obi-Wan Kenobi, die Welt zu retten – was er anfangs allerdings nur mit halbem Ohr hört. Schlussendlich kann er sich dem Ruf nicht verweigern und begibt sich auf die bekannte Reise durch das Universum.

Sie wenden die Heldenreise im Hypnocoaching an. Kann demnach jeder ein Held sein?

Ja, ich gehe in meiner Arbeit davon aus, dass wir alle Helden unseres eigenen Lebens und unserer eigenen Herausforderungen sind. Wir kommen auf die Welt mit einer gewissen Gabe – das sind Dinge, die wir besonders gut können, persönliche Talente und Fertigkeiten. Unsere Lebensaufgabe besteht darin, diese Gabe in die Welt zu tragen und sie damit zu bereichern. Gleichzeitig sind wir alle irgendwo verwundert. Die zweite Aufgabe besteht darin, diese Wunden zu heilen. Die Heldenreise stellt sich als Parcours oder Methode dar, mit der man seine Gabe systematisch herausfinden oder Wunden heilen kann. Manchmal geht beides Hand in Hand.

Wann wäre das der Fall?

Ich denke zum Beispiel an den Erfinder der modernen Hypnotherapie Milton Erikson. Er entging 1918, mit 17 Jahren, nur knapp dem Tod durch Kinderlähmung. Ein Polioinfekt hatte ihn vorübergehend gelähmt. Er hat dann die Selbstsuggestion genutzt, um seine Bewegungsfähigkeit wiederzugewinnen. Er starrte zum Beispiel stundenlang auf seine Hand und versuchte sich daran zu erinnern, wie es sich anfühlt, eine Heugabel zu halten. Und irgendwann konnte er seine Hand tatsächlich wieder bewegen und an Krücken gehen. Hier haben wir also die Wunde – die Kinderlähmung. Und gleichzeitig die Gabe der Autosuggestion, mit der er sich geheilt hat.

Wie begleiten Sie jemanden auf seiner persönlichen Heldenreise?

Zunächst eimal versuche ich herauszufinden, welchen „Ruf“ jemand hört. Kürzlich war beispielsweise ein Klient bei mir, der immer schon sehr gerne Drehbücher schreiben wollte. Er hat sich aber für einen Beruf entschiedenen, der ihm mehr Sicherheit bietet als das Leben eines Autors, denn das ist ihm als Familienvater ebenfalls sehr wichtig. Trotzdem blieb dieser Wunsch bestehen. In der Heldenreise, auf die ich ihn begleitet habe, ging es darum, in der Trance genauer hinzuschauen. Was passiert, wenn er dem Ruf, Drehbuchautor zu werden, folgt? Welche Ängste begegnen ihm? Welche Fürsprecher findet er?

Wie konnte er Ängsten und Fürsprechern auf der Heldenreise Raum geben?

Ich arbeite mit einem metaphorischen Ansatz und frage entsprechend. Zum Beispiel: Wo lebt deine größte Angst? Wie sieht sie aus? Ihr Heim kann beispielsweise eine Holzhütte im Wald oder auf einem Berggipfel sein, und ihr Bewohner ist dann möglicherweise ein Gnom. Dadurch, dass die Angst Gestalt annimmt, verliert sie ein Stück weit ihre Bedrohung. Sie wird als das erkennbar, was sie ist: ein innerer Anteil, mit dem der Reisende ins Gespräch kommen kann. Der Fürsprecher ist sein Mentor. Wie sieht er aus? Wo lebt er? Welche Rolle kann er auf der Heldenreise spielen? Mit solchen Fragen beschäftigt sich der Reisende ebenfalls in der Trance.

Erscheint auf jeder Heldenreise ein Mentor?

Nach Joseph Campbell schon. Im Fall von Luke Skywalker ist das beispielsweise Joda. Der Reisende kann sich seinen Mentor in jeder denkbaren Gestalt vorstellen – als mythisches Wesen, zotteliges Tier, einen Freund.

Über wie viele hypnotische Sitzungen erstreckt sich eine Heldenreise?

Das ist ganz unterschiedlich. Sie kann sich innerhalb von einer Sitzung abspielen, aber genauso mehrere in Anspruch nehmen. Meiner Erfahrung nach braucht es eine Sitzung, um das Ziel herauszukristallisieren. Und dann weitere zwei bis drei Sitzungen für die Reise selbst.

Was steht am Ende der Reise?

Im besten Fall ist der Reisende sich näher gekommen – er hat Widerstände überwunden, also das, was im Film Gefahren sind, und er ist gestärkt aus ihnen hervorgegangen. Dadurch ist er seinem Ziel hoffentlich ein Stück weit näher gekommen.

Jörg Leupold

Jörg Leupols

© Jörg Leupold

Jörg Leupold hat Theater und Filmwissenschaft sowie Psychologie und Philosophie an der FU Berlin studiert. Anschließend hat er sich zum systematischen Organisationsberater ausgebildet, seitdem begleitet er verschiedene Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung. Am Zustand der Hypnose fasziniert den ausgebildeten Hypnocoach, dass die Trance einem Film gleicht, in dem man Zuschauer und Regisseur zugleich ist und Veränderung sehr einfach und sehr sinnlich initiiert werden kann.

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