Hypnose: Reise zum inneren Berater

Seelische Schmerzen erkennen und Ängste abbauen: Seit Jahrtausenden helfen sich die Menschen mit Tranceritualen wie Hypnose. Ein Interview.

Hypnose: Reise zum inneren Berater

Hypnose / ©iStock/maroznc

Carola Hoffmeister interviewte den ausgebildeten Hypnocoach Jörg Leupold zum Thema Hypnose und ihrer Wirkungsweise.

Herr Leupold, in welchen Situationen kommt Hypnose zum Einsatz?

Sie wird bei Ängsten wie Prüfungs- oder Flugangst angewendet, in der Schmerztherapie, bei der Rauchentwöhnung oder zur tiefen Entspannung. Ich selbst arbeite als Hypnocoach, nicht als Hypnotherapeut. Das heißt, ich behandele Menschen ohne psychiatrische Diagnose. Zu mir kommen Klienten, die neugierig auf ihr Unbewusstes sind und etwas in ihrem Leben verändern wollen – die vielleicht einen neuen Job anstreben, Liebeskummer überwinden möchten oder die Probleme mit dem Sprechen vor einer Gruppe haben.

Wie kann ich mir den Zustand der Trance vorstellen?

Die Fähigkeit, sich in Trance zu versetzen ist eine Kulturtechnik, die jedem Menschen angeboren ist. Auch im Wachzustand erleben wir unterschiedliche Formen von Trance: Beim Autofahren beispielsweise, wo wir auf Autopilot schalten. Beim Joggen, wenn wir durch die gleichförmige Bewegung in einen Flow geraten. Oder auch im Kino, wenn wir ganz in das Geschehen auf der Leinwand eintauchen.

Wie läuft bei Ihnen eine hypnotische Sitzung ab?

Zunächst einmal kläre ich in einem Vorgespräch, worum es geht. Dann begleite ich den Klienten in die Ruhe und damit in die Trance. Dafür habe ich in meinem Behandlungsraum eine Sofaecke, und viele Klienten entscheiden sich intuitiv für das Liegen. Aber auch im Sitzen oder sogar Stehen wäre die Hypnose möglich.

Wie geht es weiter?

Ich bitte den Klienten, sich einen Ort vorzustellen, an dem er sich wohl fühlt – ich spreche von einem Entspannungs- oder Kraftort. Einer meiner Klienten hat sich beispielsweise an einen Ort aus dem Urlaub erinnert, an eine Meeresbucht in Kroatien, in der er sich besonders gerne aufgehalten hat. Andere denken an einen Wald oder setzen ihren Entspannungsort aus unterschiedlichen Lieblingsplätzen zusammen: österreichische Berge, die in eine finnische Seenlandschaft übergehen, und am Horizont schwappt die Nordsee an einen Sandstrand. Der Klient soll den Ort mit allen Sinnen wahrnehmen. Wie riecht es, frage ich deshalb. Wie schmeckt die Luft? Wie fühlt sich der Ort an? Ist das Gefühl angenehm? Wo im Körper ist das zu spüren? Was wäre der Ort für ein Musikinstrument? All diese Fragen helfen, die Trance zu vertiefen.

Wie nähern Sie sich dem jeweiligen Thema des Klienten an?

Ein Beispiel: Eine Klientin wollte etwas zu ihrem inneren Kritiker machen, jener inneren Stimme, die sich bei ihr mitunter recht laut und hart zu Wort gemeldet und die Anerkennung eigener Leistung verweigert hat. Ich habe vorgeschlagen, dass wir am Entspannungsort gucken, wo und wie dieser innere Kritiker lebt. Die Klientin hat tatsächlich eine Hütte als dessen Wohnung identifiziert und sich dort umgeschaut. Ihr innerer Kritiker war interessanterweise kein Mensch, sondern ein zotteliger Bär, der etwas verschreckt und auch ängstlich aussah. Ich habe dann angeregt, nach einer neuen Unterkunft für den Bären zu suchen. Einer, wo der Bär die Klientin im Alltag weniger stört und wo gleichzeitig selbst gut mit Nahrung versorgt ist, mit Beeren und Honig. Das klingt wie ein Märchen, ist aber ein metaphorischer Ansatz, sich mit solchen Themen zu beschäftigen. In einem anderen Setting als der Hypnose hätte ich vielleicht einen freien Stuhl genommen und den inneren Kritiker aufgefordert, sich zu setzen und in einen Dialog einzutreten. Diese Auseinandersetzung wäre aber vermutlich intellektueller verlaufen, weniger sinnlich und bildhaft. Die plastische Annäherung in der Hypnose ist meiner Ansicht nach einer ihrer der Vorzüge.

Hat die Hypnose der Klientin geholfen?

Sie war, wie sie mir erzählte, anschließend versöhnt mit dieser inneren, kritischen Stimme. Wie lange das währt, bleibt abzuwarten. Letztlich ist alles ein Prozess. Und die Hypnose ist natürlich keine Kopfschmerztablette, die wir einwerfen, und dann wirkt sie. Die inneren Vorgänge sind komplex. Will man beispielsweise mit dem Rauchen aufhören, kann Hypnose helfen, die Entschlussfreudigkeit zu stärken oder den Moment der Schwäche zu visualisieren und entsprechend vorzubereiten. Aber die Hypnose wird nicht ohne das Zutun des Betroffenen einen Nichtraucher hervorbringen. Ganz konkret können wir in der Trance auch zu unserem inneren Berater reisen, einer Instanz, die in uns selbst verankert ist, und der wir Fragen stellen. Das wäre eine weitere Art, sich seinem Unbewussten anzunähern.

Viele Menschen dürften in der Hypnose den Kontrollverlust fürchten. Was sagen Sie diesen Menschen?

Ich erläutere den Prozess und mache eine kleine Übung, die ich auch direkt hier anwenden kann – wenn wir einmal kurz die Rollen von Interviewer und Interviewpartner verkehren, zeige ich es Ihnen. Wenn Sie erlauben, stelle ich nun eine Frage: Was ist Ihre Lieblingsblume?

Die Pfingstrose.

Sie haben jetzt vermutlich ein inneres Bild vor Augen. Wie sieht diese Pfingstrose aus? Wie fühlt sich das an? Und wo steht sie?

Da muss ich überlegen. Die Pfingstrose ist rund und flauschig. Ich muss bei ihr an die Rückkehr an einen Ort denken, an dem ich mich gerne aufhalte, ich hätte gerne mehr davon. Und wo sie steht? In einem Garten vor der Fassade eines weiß getünchten Bauernhauses vielleicht.

Wir haben jetzt eine erste hypnotische Übung gemacht, in der es darum geht, ein inneres Bild zu aktivieren, es mit verschiedenen Sinnen zu erfassen und zu vergrößern. Denn von der Rose haben wir uns ja bereits dem Garten genähert. Von hier aus könnte es weitergehen.

Ich fand es gar nicht so leicht, schnell eine Antwort zu finden.

Das ist der kritische Faktor, und der ist normal. Denn Sie nehmen mich in diesem Moment als Beratungsautorität wahr. Aber je mehr sich der Klient im Rahmen der Hypnose entspannt, umso weniger stark meldet sich der kritische Faktor. Die Übung zeigt auch, dass man bei der Hypnose unter keiner imaginären äußeren Macht steht. Der Klient driftet nicht bis zur Bewusstlosigkeit ab, sondern erinnert sich später an das Geschehen. Meine Aufgabe als Hypnocoach gleicht einem Reiseführer, der den Klienten zu bestimmten Orten führt und ihn durch Fragen zur Auseinandersetzung mit bestimmten Themen ermutigt.

Danke für das Interview.

Jörg Leupold

Jörg Leupold

Jörg Leupold

Jörg Leupold hat Theater und Filmwissenschaft sowie Psychologie und Philosophie an der FU Berlin studiert. Anschließend hat er sich zum systematischen Organisationsberater ausgebildet, seitdem begleitet er verschiedene Unternehmen auf ihrem Weg in die Digitalisierung. Am Zustand der Hypnose fasziniert den ausgebildeten Hypnocoach, dass die Trance einem Film gleicht, in dem man Zuschauer und Regisseur zugleich ist und Veränderung sehr einfach und sehr sinnlich initiiert werden kann.


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