Verdauungsprobleme: Wie beweglich ist Ihr Magen?

In letzter Zeit war viel vom Darm die Rede und von Nahrungsmittelunverträglichkeiten. Doch die Ursache von Verdauungsproblemen kann auch im Magen liegen – und oft ist sie ganz einfach zu beheben

Verdauungsprobleme: Wie beweglich ist Ihr Magen?

© iStock/champja

Geht es Ihnen auch so? Mal vertragen Sie etwa Pommes oder den Sonntags­braten problemlos, dann wieder überhaupt nicht, mal klappt Nudelessen gut, mal nimmt Ihnen Ihr Bauch die vielen Kohlenhydrate offenbar sehr übel.„Irgendetwas bekommt mir nicht, aber ich finde einfach nicht heraus, was es ist“, mit diesem Gefühl schlagen sich viele herum. Oft sind die Beschwerden dabei nicht immer gleich – an einem Tag drückt es in der Magengegend, an einem anderen kneift es im Darm. Dahinter muss keine Nahrungsmittelunverträglichkeit und auch kein Reizdarm stecken. Das Rätsel könnte sich lösen, wenn Sie Ihren Magen besser kennen lernen. Denn was viele nicht wissen: Selbst Beschwerden, die sich vor allem im Darm äußern, können dort ihre Ursache haben.

Die meisten sehen im Magen nicht mehr als eine Art Sack, der die Speisen aufnimmt, mit Säure desinfiziert und dann zum Darm weiterleitet. Tatsächlich besteht er nicht umsonst aus Muskelgewebe: Für eine reibungslose Verdauung muss er sich auf verschiedenste Weise bewegen. „So wälzt er die Nahrung etwa alle 20 Sekunden um, durchmischt sie dadurch gründlich und zermalmt sie regelrecht“, sagt Dr. Harald Matthes, Gastroenterologe und ärztlicher Leiter der Klinik Havelhöhe in Berlin. „Wenn er diesem Eigenrhythmus folgen kann, funktioniert er am besten.“ Ist die sogenannte Magenmotilität jedoch zu gering – das heißt, der Magen bewegt sich zu langsam oder zu schwach –, können schon normale Mahlzeiten problematisch sein. Das merkt man dann etwa als unangenehmes Völlegefühl, das bis zu zwei Stunden anhält, das Essen liegt wie ein Stein im Magen.

Manchmal schläft der Magen noch

Gerade morgens nach dem Frühstück kann das passieren, aus einem simplen Grund. „Der Magen war einfach noch nicht wach“, erklärt Matthes. Wenn Ihrer auch so ein Langschläfer ist, dann sollten Sie ihm morgens einfach seine Ruhe lassen und höchstens einen kleinen Appetit anregenden Happen essen, bis Sie wirklich Hunger verspüren. Alternativ können Sie es laut Matthes auch machen wie die Italiener und den Tag mit einem Espresso starten: Etwas Bitteres wie Kaffee bringt nämlich die Magenbewegung in Gang. Auch bittere Heilpflanzen wie die Schleifenblume, Enzian, Löwenzahn, Schöllkraut, Artischocke oder Kurkuma tun hier Gutes und erleichtern zudem die Fettverdauung, weil sie die Gallensaftproduktion anregen. „Studien zufolge werden Magen­- und Darmbewegung jedoch am stärksten von ätherischem Pfefferminzöl angeregt, vor allem wenn es in Form von Kapseln eingenommen wird“, sagt Matthes.

© Caro Zorn

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Und was ist, wenn die Beschwerden schon während des Essens auftreten, womöglich bereits nach wenigen Bissen? Auch das kann mit der Beweglichkeit des Magens zu tun haben. Dann könnte ein anderer Aspekt der Motilität gestört sein, die sogenannte Akkomodation. „Ein gut funktionierender Magen wird nicht von der Nahrung gedehnt wie ein Ballon beim Aufpusten, sondern entspannt sich aktiv und schaff dadurch selbst Platz“, erläutert Matthes. So bleibt der Druck im Organ innerhalb eines weiten Bereichs stets gleich. Funktioniert das nicht gut, fühlt man sich selbst bei großem Hunger schon nach einer kleinen Portion unangenehm voll. Auch der weitere Ablauf der Verdauung kann gestört werden, wenn der Magen sich zu wenig bewegt. Matthes: „Normalerweise arbeitet er ungeheuer präzise und erkennt die Zusammensetzung des Speisebreis so genau, dass die in den Zwölffierdarm abgegebenen Portionen immer die gleiche Menge Kalorien enthalten. Zudem regt er Bauchspeicheldrüse und Galle an, zur richtigen Zeit die passenden Mengen der Verdauungssekrete abzugeben.“ Wenn diese Abstimmung nicht funktioniert, werden die Nährstoff nicht richtig verdaut. Als Folge treten Probleme im Darm auf, die eigentlich für Nahrungsmittelunverträglichkeiten typisch sind: Es kann zu Übelkeit, Blähungen, Krämpfen, fettigem Stuhl oder Durchfall kommen.

© Caro Zorn

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Erst mit diesem Wissen wird verständlich, warum die Betroffnen nicht immer auf dieselbe Art auf bestimmte Speisen reagieren. Bei einer Mahlzeit kann die Verdauung der Kohlenhydrate stärker betroffen sein, bei der nächsten sind es Fette oder Proteine. Und zudem ist der Magen mal mehr, mal weniger kooperativ – eine dauerhaft gestörte Beweglichkeit ist eher selten. Sie kann zum Beispiel durch Nervenschädigungen verursacht werden, etwa aufgrund von Diabetes oder als Komplikation einer Operation. In der Regel jedoch fährt der Magen einfach deshalb seine Aktivität zurück, weil es ihm zu stressig ist. Seit Urzeiten gilt: Wenn die Kräfte für Kampf, Flucht oder andere anstrengende Muskelarbeit gebraucht werden, hat die Verdauung Pause. Zwar erleben die wenigsten heute noch Situationen, in denen sie sich körperlich verteidigen müssen, aber die Reaktionen auf Angst, Wut und Hektik sind dieselben wie eh und je. Wie sensibel der Magen auf belastende Situationen reagiert, ist überwiegend Veranlagung. Aber auch einige Medikamente, wie zum Beispiel opioidhaltige Schmerzmittel, können die Motilität stören.

Gründlich kauen muss sein

Doch selbst ein gut funktionierender Magen kann nicht die Arbeit der Zähne ersetzen. Wer zu hastig isst und deshalb nicht gründlich kaut, belastet den Verdauungstrakt mit zu großen Nahrungsbrocken. Vor allem kohlenhydratreiche Nahrungsmittel wie Vollkornbrot können für Probleme sorgen, wenn sie nicht schon im Mund fein zermahlen und durch das Speichelenzym Amylase aufgespalten werden. Landen die unverdauten Kohlenhydrate dann im Dickdarm, dienen sie den Bakterien dort als Nahrung – und dabei entstehen Gase. Manche Menschen pupsen dann einfach nur etwas mehr, bei anderen sorgt der Blähbauch für schmerzhafte Krämpfe.

Langsam und in Ruhe zu essen ist also nicht nur wichtig, weil die Sättigung dann früher spürbar wird – es macht auch jede Mahlzeit bekömmlicher. Gönnen Sie sich vor dem Essen etwas Zeit, um runterzukommen, und verbannen Sie zudem alle konfliktreichen Gesprächsthemen vom Tisch. Das erscheint Ihnen übertrieben? Wie sensibel der Magen auf atmosphärische Störungen reagiert, zeigte eine Studie der University of Texas. Die Forscher untersuchten, ob sich die Magenmotilität als Lügendetektor eignet – und tatsächlich: Schon der Stress einer einzigen Lüge genügte, um im Bauch für verräterischen Stillstand zu sorgen. Mit Chance kann Ihnen darum mehr Ruhe beim Essen und mehr Aufmerksamkeit für den Magen die aufwendige Suche nach Nahrungsmittelunverträglichkeiten ersparen. Probieren Sie es aus.

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